„CO2-Speicherung, grüne Wasserstofferzeugung und Offshoretechnik – Deutschland darf da den Anschluss nicht verpassen!“

Tobias Goldschmidt ist Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein. Ende Juli war er in Norwegen zu Gast. Besonders interessierte er sich dabei für die Themen grüner Wasserstoff und Offshore-Wind. Im Anschluss an die Reise durften wir ihm einige Fragen stellen:

Mit welchen Zielen haben Sie die Reise nach Norwegen angetreten?

Schleswig-Holstein hat sich auf den Weg gemacht bis 2040 klimaneutral zu werden. Die Dekarbonisierung der Industrie ist dabei ein besonders dickes Brett, das wir zu bohren haben. Hier leistet Norwegen und einige dort ansässige Unternehmen Pionierarbeit. CO2-Speicherung, grüne Wasserstofferzeugung und Offshoretechnik; das sind stark von Norwegen getriebene Themen. Deutschland darf da den Anschluss nicht verpassen. Das ist mir auch als derzeitiger Vorsitzender der deutschen Energieministerkonferenz ein wichtiges Anliegen.

Welche Eindrücke haben Sie während des Besuchs erhalten?

In Brevik habe ich die Kolleginnen und Kollegen von Heidelberg Materials getroffen und ein Werk in Transformation gesehen. Hier wird der weltweit erste klimaneutrale Zement hergestellt. Das funktioniert, indem das CO2 in der Produktion abgeschieden und dann gespeichert wird. Bei Yara am Standort Porsgrunn stand die Produktion von grünem Ammoniak mittels Elektrolyse im Mittelpunkt des Besuchs. Bei den Gesprächen habe ich viel Zuversicht gespürt, dass die Projekte gelingen werden, aber auch eine gute Portion Pragmatismus und Realitätssinn: Es ist ein langer Weg zur Klimaneutralität. Abends ging es für mich dann weiter an die Westküste Norwegens. In Haugesund baut der Netzbetreiber TenneT gerade eine Offshore-Konverterplattform. Das gigantische Bauwerk wird den Strom der Windparks auf dem Meer einsammeln und ans Festland bringen.

Was hat Sie in Norwegen überrascht?

Auch wenn Norwegen und Deutschland gleichsam Kurs auf die Klimaneutralität nehmen, energiewirtschaftlich eng verbunden sind und nur wenige hundert Kilometer voneinander entfernt liegen, sind die Ansätze doch unterschiedlich. Schleswig-Holstein erzeugt seinen grünen Strom vor allem mit Windkraftanlagen an Land. In Norwegen spielt diese Art der Stromerzeugung eine noch untergeordnete Rolle. Hier stehen Offshore-Windkraft und Wasserkraft im Vordergrund.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit nach Hause?

Deutschland und Norwegen sind ungleiche Partner und der Blick auf die Technologien unterscheidet sich. Die Speicherung von CO2 im Meeresgrund war in Deutschland lange ein Tabuthema, wird nun aber positiver diskutiert. In Norwegen kann man lernen, wie die Technologie reguliert, finanziert und kommuniziert wird. Ich nehme zudem mit, dass sich Konverterplattformen auch in Hochlohnländern wie Norwegen fertigen lassen. Das muss uns in Deutschland Ansporn sein hier auch stärker tätig zu werden. Der Ausbau der Offshore Windenergie ist ein europäisches Friedensprojekt und Deutschland sollte Teil der Wertschöpfungsketten sein.

Wo sehen Sie Potenzial in der Zusammenarbeit von Schleswig-Holstein und Norwegen.

Die energiewirtschaftlichen Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich und bieten sich dadurch für eine enge Zusammenarbeit gerade zu an. Norwegen hat für Deutschland eine lange Tradition als Gas- und Öllieferant und auch im Strombereich sind wir über das in Schleswig-Holstein ankommende NordLink Kabel eng verbunden. Auf unserem Weg hin zur Klimaneutralität wird Norwegens Bedeutung für Deutschland abermals zunehmen: als Lieferant für grünen Strom, grüne Gase oder auch als Kooperationspartner für die Nutzung und Speicherung von CO2-Restemissionen. Bei meinen Gesprächen mit den Unternehmen und der AHK Norwegen habe ich viele Bezüge zu deutschen Unternehmen wahrgenommen. Die Beziehungen sind eng und belastbar.

Welche Schritte braucht es jetzt Ihrer Meinung nach, um die Zusammenarbeit im Bereich Offshore-Wind, Grüne Gase und CCS weiter auszubauen?

Norwegen wird perspektivisch zu einem der europäischen Hauptproduzenten grüner Gase werden. Gleichzeitig ist Schleswig-Holstein mit seinen Häfen, eigenen Produktionsanlagen und den geplanten Leitungen des Wasserstoffkernnetzes ideal positioniert, um sich zu einer europäischen Wasserstoff-Drehscheibe zu entwickeln. Die geplante Transportpipeline zwischen Norwegen und Niedersachsen muss auch für Schleswig-Holstein zum Gewinnerprojekt werden.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie jetzt, basierend auf dem Besuch?

Mit voller Kraft und guten norwegischen Beispielen im Hinterkopf werde ich mich für die Produktion von Konverterplattformen in Deutschland und die Dekarbonisierung der Zement- und Ammoniakherstellung in Schleswig-Holstein stark machen. Ich bedanke mich bei der AHK Norwegen, die ein klasse Gesprächspartner in Norwegen war und den Besuch für mich zu einem Erfolg gemacht hat.