2026 hat Norwegen zum „Totalforsvarsår“ ausgerufen – zum Jahr der Gesamtverteidigung. In seiner Neujahrsansprache wandte sich König Harald V. an die Bevölkerung und rief dazu auf, angesichts der aktuellen Weltlage Verantwortung zu übernehmen: „Mit Kopf, Herz und Händen. Mit Zeit und Kraft.“ Was zunächst wie ein Appell an den gesellschaftlichen Zusammenhalt klingt, ist Teil eines umfassenden sicherheits- und wirtschaftspolitischen Konzepts, das über militärische Fragen hinausgeht.
Bilder: DSB, Marita Tøsse / DSB, Stian Olberg
Was bedeutet „Totalforsvar“?
Das norwegische Konzept der Gesamtverteidigung (Totalforsvar) beschreibt das enge Zusammenspiel von militärischen und zivilen Ressourcen im Krisen- und Verteidigungsfall. Staatliche Stellen, Kommunen, Unternehmen, freiwillige Organisationen und Privatpersonen sind gleichermaßen Teil dieses Systems. Rechtsgrundlage ist unter anderem das Militärrequisitionsgesetz von 1951, das es den Streitkräften erlaubt, im Ernstfall auf zivile Ressourcen zurückzugreifen – von Logistik über Infrastruktur bis hin zu privatem Eigentum.
Anfang 2026 erhielten rund 13.500 Norwegerinnen und Norweger per Post einen formalen Hinweis darauf, dass ihre Häuser oder Fahrzeuge im Krisenfall temporär für Verteidigungszwecke genutzt werden könnten. Die Maßnahme stieß international auf Aufmerksamkeit und in Norwegen auf Akzeptanz in der Bevölkerung.
Sicherheitslage als Treiber wirtschaftlicher Entscheidungen
Ausgangspunkt des Totalforsvarsår ist eine nüchterne Lageanalyse: Europa befindet sich in einem hybriden Krieg. Der russische Angriff auf die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung nachhaltig erschüttert. Norwegen sieht sich in der ernsthaftesten sicherheitspolitischen Situation seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig wachsen die Bedrohungen im Cyberraum, für kritische Infrastrukturen und für Lieferketten.
Für die Wirtschaft ist dies eine allzu reale Bedrohung: Digitalisierung, Automatisierung und der Einsatz von künstlicher Intelligenz erhöhen Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit, machen Unternehmen aber auch verwundbarer. Umfragen des Direktorats für Zivil- und Katastrophenschutz (DSB) zeigen, dass Cyberangriffe auf Steuerungs- und Versorgungssysteme die größte Sorge der Bevölkerung darstellen. Das ist ein Befund, der sich unmittelbar auf Unternehmen, insbesondere in den Bereichen Energie, Logistik, Industrie und Kommunikation, übertragen lässt.
Vorbereitung der Gesellschaft – und der Unternehmen
Das Totalforsvarsår soll keine Panik verbreiten. Ziel ist es, Strukturen zu überprüfen, Zuständigkeiten zu klären und das gesellschaftliche Zusammenwirken einzuüben. Bereits im Herbst 2024 hatte das DSB eine aktualisierte Broschüre zur Notfallvorsorge an alle Haushalte verschickt. Darin ging es um sehr konkrete Fragen: Wie viel Wasser und Lebensmittel benötigt ein Haushalt für mehrere Tage? Welche Energieträger sollten vorhanden sein? Wie wichtig ist Bargeld im Fall eines längeren Strom- oder IT-Ausfalls?
Auffällig war dabei der starke Fokus auf Solidarität. Bürgerinnen und Bürger wurden aufgefordert, sich Gedanken darüber zu machen, wer im Ernstfall Hilfe benötigt – etwa ältere oder kranke Nachbarn. In norwegischen Medien wird diese Idee inzwischen aufgegriffen: In Videoserien berichten Haushalte über private Bereitschaftslager. Dass solche Vorkehrungen keine theoretische Übung sind, sondern Teil moderner Resilienz, zeigen Vorfälle immer wieder, auch außerhalb Norwegens. So legte zu Jahresbeginn etwa ein Stromausfall das öffentliche Leben in Teilen Berlins lahm.

Übung „Totalforsvar 2026“ und Rolle der Wirtschaft
Ein zentrales Element des Jahres soll die groß angelegte Übung Totalforsvar 2026 (TDX 26) im Herbst 2026 sein. Es handelt sich um eine strategische Planspielübung unter Leitung des DSB in enger Zusammenarbeit mit den Streitkräften. Beteiligt sind nationale und regionale Behörden, aber ausdrücklich auch Akteure aus der Privatwirtschaft.
Die Übung verfolgt drei Hauptziele: die Unterstützung der Streitkräfte, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Aufrechterhaltung kritischer Dienstleistungen wie Wasser- und Energieversorgung, Transport, Gesundheitswesen, oder Kommunikation. Für Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Rolle im Krisenfall konkret durchgespielt wird – etwa als Zulieferer, Betreiber kritischer Infrastruktur oder Logistikpartner. Gleichzeitig soll die Übung Lernprozesse anstoßen und Kompetenzen aufbauen, insbesondere an den Schnittstellen zwischen Staat und Wirtschaft.
Verteidigungswirtschaft: Relevanz für bilaterale Beziehungen
Die sicherheitspolitische Neuausrichtung spiegelt sich auch in wirtschaftlichen Kennzahlen wider. Norwegens Verteidigungsindustrie verzeichnete 2025 ein Rekordexportjahr. Zugleich ist Norwegen ein zentraler Partner für die deutsche Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Nach Angaben des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie liegt Norwegen 2025 auf Platz 2 der wichtigsten Empfängerländer deutscher Rüstungsexportgenehmigungen – mit einem Wert von rund 1,38 Milliarden Euro.
Diese Zahlen verdeutlichen zweierlei: Zum einen wächst der Bedarf an verteidigungsrelevanten Gütern und Technologien innerhalb von NATO und EU-Partnerstaaten. Zum anderen eröffnen sich für deutsche Unternehmen Chancen, insbesondere in Bereichen wie Sensorik, maritime Systeme, Logistik, Cyberabwehr und Dual-Use-Technologien. Die verfahrenserleichternden Regelungen für Rüstungsexporte innerhalb Europas und der NATO beschleunigen dabei Kooperationen, setzen aber zugleich ein hohes Maß an Compliance und strategischer Planung voraus.
Das Totalforsvarsår 2026 ist somit schlussendlich kein isoliertes norwegisches Projekt. Es ist Ausdruck einer Haltung, die in westeuropäischen Ländern, darunter auch Deutschland, zunehmend Raum einnimmt: Sicherheit, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit müssen als gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Aufgaben verstanden werden.
