Norwegen setzt bis anhin auf Wasser- statt auf Atomkraft. Doch es tun sich mögliche Energieengpässe auf – und damit die Kernkraftdiskussion im Land. Ein von der Regierung einberufenes Expertengremium riet kürzlich, abzuwarten. Doch damit sind viele nicht einverstanden; beinahe das gesamte politische Spektrum zeigte sich zuletzt offen für Kernenergie. Nun prescht eine Rechtspartei vor.
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Anders als in Deutschland gab es in Norwegen nie Kernkraftwerke am Netz. Das Land speist seinen Energiebedarf zu über 95 Prozent aus Erneuerbaren, darunter vor allem Wasserkraft. In den 1970er-Jahren gab es Bestrebungen zur Planung eines Atomkraftwerks, weil Unsicherheit darüber herrschte, ob Wasserkraft das Land weiterhin ausreichend mit Energie versorgen könne. Aufgrund von Sicherheitsbedenken und Widerstand in der Bevölkerung sowie der Einschätzung, dass die Versorgung mit Wasserkraft nun doch ausreichend ist, waren die Kernkraft-Pläne noch im gleichen Jahrzehnt wieder vom Tisch. Dabei blieb es bis vor Kurzem: 2024 beauftragte das norwegische Energiedepartement ein Fachgremium damit, den möglichen Nutzen norwegischer Kernenergie zu prüfen. Der Hintergrund sind u.a. erneute Prognosen möglicher Engpässe in der Energieversorgung des Landes in den kommenden Jahrzehnten.
Expertengremium empfiehlt Abwarten
Diesen April hat das Gremium seinen Bericht an die Regierung überreicht. Darin kommt es zum Schluss, dass Kernenergie in das norwegische Energiesystem integrierbar ist. Das Ganze wäre aber sehr zeitaufwändig, teuer und daher nicht lohnend; man solle erst einmal abwarten. Das hat zu einer breiten Debatte im ganzen Land geführt, mehrere Parteien widersprechen:
Die Rechtsaußenpartei Fremskrittsparti (FrP), konservative Parteien wie Høyre oder die Kristelig Folksparti (KrF), aber auch die Grünen (MDG) befürworten Kernenergie in Norwegen. Dabei betonen die Parteien, dass es erst einmal weniger um konkrete Kraftwerkprojekte gehe, sondern darum, der Atomenergie rechtlich den Weg zu ebnen und Rahmenbedingungen zu schaffen. Andere wie die regierende Arbeiterpartei (Ap) oder die Zentrumspartei (Sp) äußern sich derzeit zurückhaltend, befürworten Atomenergie aber grundsätzlich. Kritik gegenüber norwegischer Kernkraft kommt einzig von der Sozialen Linkspartei (SV).
Zu teuer oder unverzichtbar?
Die SV argumentiert hierbei mit dem Expertenbericht und nennt Faktoren wie Kosten und Zeit, fehlende Fachkräfte sowie Fragen zur Endlagerung und Sicherheit. Was die Entwicklung und Forschung an modularen Kernkraftwerken (SME) angehe, solle Norwegen das Feld erst einmal anderen Ländern mit Erfahrung überlassen und sich etwa auf Offshore-Wind konzentrieren.
Dem entgegnet das weit größere Pro-Lager, dass Norwegen auch ohne Erfahrung ins Ölzeitalter gestartet sei. Zudem müsse das Land schon jetzt Vorkehrungen für die Einführung der Atomkraft treffen, um später nicht abgehängt zu werden, wenn die technische Entwicklung entsprechende Fortschritte mache. Angesichts der Energieversorgungslücke, die Norwegen in den kommenden Jahrzehnten droht, dürfe sich das Land der Atomenergie nicht verschließen und müsse jetzt handeln. Die Grünen wiederum heben hervor, dass die Klimaziele und der grüne Wandel in Norwegen ohne Atomenergie nicht zu schaffen seien.
Positive Stimmen kommen auch aus der Wirtschaft: Mehrere norwegische Energieunternehmen begegnen der Atomenergie mit Offenheit. So gibt es Versorger, die bereits aktives Interesse am Bau modularer Kraftwerke geäußert haben.
Die Debatte geht weiter
Der besagte Bericht des Fachgremiums liegt bis zum 8. Oktober 2026 zur öffentlichen Stellungnahme auf. Danach will die Regierung über das weitere Vorgehen entscheiden, unter Einbezug des Parlaments (Stortinget). Dieses kommt allerdings schon früher zum Zug: Die FrP will nicht bis zum Herbst warten und hat einen parlamentarischen Antrag eingereicht. Sie will die Regierung schon jetzt damit beauftragen, erste Vorkehrungen für norwegische Kernkraft zu treffen. Das Parlament wird den Vorstoß am 12. Mai behandeln, dann wird es erste Stellungnahmen anderer Parteien dazu geben. Die Kernkraftdebatte hat in Norwegen also erst richtig begonnen.Y
Quellen:
Aftenposten:
https://www.aftenposten.no/norge/politikk/i/XM9npr/kan-bli-norsk-kjernekraft-mot-ekspertraad-sykt-uansvarlig
E24:
https://e24.no/energi-og-klima/i/9ppyOM/venter-paa-kjernekraft-rapport-ultraloep
Nettavisen:
https://www.nettavisen.no/norsk-debatt/kjernekraft-trengs-for-a-na-klimamalene/o/5-95-2988184
Regjeringen:
https://www.regjeringen.no/no/aktuelt/framlegging-av-rapporten-fra-kjernekraftutvalet/id3152018
https://www.regjeringen.no/no/aktuelt/energiministeren-tok-imot-rapporten-fra-kjernekraftutvalet/id3155590
Store Norske Leksikon:
https://snl.no/kjernekraft_i_Norge

