Nach mehr als 25 Jahren im weltweiten AHK-Netzwerk hat Dr. Dalia Samra-Rohte im August 2026 die Geschäftsführung der AHK Norwegen übernommen. Im Interview spricht sie über ihren Weg von Kairo über Abu Dhabi und Riad nach Oslo, Gemeinsamkeiten zwischen vermeintlich gegensätzlichen Regionen und die Themen, die sie in den deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen voranbringen möchte.
Bild: Dr. Dalia Samra-Rohte während des Gesprächs in ihrem Büro.
Frau Dr. Samra-Rohte, Sie waren zuletzt CEO der AHK Saudi-Arabien, am 1. August 2026 haben Sie die Leitung der AHK Norwegen übernommen. Warum haben Sie sich für einen Wechsel entschieden?
Ich gehe gerne aus meiner Komfortzone heraus und nehme gerne neue Herausforderungen an, um neue Impulse zu erhalten und einen Szenenwechsel zu erleben.
Nach so langer Zeit im Nahen Osten empfand ich es außerdem als sehr reizvoll, nach Europa zurückzukehren. Die AHK Norwegen genießt einen ausgezeichneten Ruf. Auch das Team, die Themen und die Qualität der deutsch-norwegischen Beziehungen haben mich angesprochen. Das ist eine sehr spannende Kombination.
Sie sind seit mehr als 25 Jahren Teil des AHK-Netzwerks. Auf welchen Stationen waren Sie bisher tätig?
Meine Laufbahn im AHK-Netzwerk begann bei der AHK Ägypten, wo ich die Wirtschaftsabteilung leitete. 2004 habe ich dann das AHK-Büro in Abu Dhabi aufgebaut und anschließend dessen Leitung übernommen.
Bis 2019 war ich in Abu Dhabi tätig, zuletzt mit Verantwortung für das Dienstleistungsgeschäft in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman, Katar und Bahrain. Danach wechselte ich nach Riad und übernahm als Delegierte der Deutschen Wirtschaft die Leitung der deutschen Wirtschaftsdelegation für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen. Und jetzt bin ich hier in Norwegen.
Der Wechsel vom Nahen Osten nach Norwegen wirkt auf den ersten Blick wie ein großer Kontrast. Wo sehen Sie dennoch Gemeinsamkeiten?
Natürlich gibt es Unterschiede. Wirtschaftlich bestehen jedoch überraschend viele Parallelen: Sowohl in Norwegen als auch an meinen früheren Standorten ist Energie ein zentrales Thema. Öl und Gas bleiben wichtig, während erneuerbare Energien und der Umbau der Energiesysteme zunehmend in den Vordergrund rücken.
Ebenso haben Verteidigung und Raumfahrt in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Im Tagesgeschäft begegne ich deshalb vielen Themen und Perspektiven wieder, die ich bereits aus dem Nahen Osten kenne, nun mit einem europäischen Fokus. Dabei geht es längst nicht nur um die bilateralen Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland, sondern zunehmend auch um die europäische und geopolitische Dimension der Zusammenarbeit.
Sie haben Saudi-Arabien in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen erlebt. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?
Als ich 2019 nach Saudi-Arabien kam, hatte das Land gerade einen weitreichenden sozialen Öffnungsprozess begonnen. Es war spannend, diese Entwicklung aus nächster Nähe mitzuerleben.
Besonders sichtbar waren die Veränderungen für Frauen. Sie durften zu diesem Zeitpunkt seit etwa einem Jahr Auto fahren, das Vormundschaftssystem wurde gelockert, und die Berufswelt öffnete sich zunehmend für sie. Bei meiner Abreise 2026 waren 30% der saudischen Frauen in das Arbeitsleben integriert und bekleideten teilweise hohe Ämter. Persönlich hatte ich in meiner beruflichen Tätigkeit jedoch nie den Eindruck, allein deshalb nicht weiterzukommen, weil ich eine Frau bin. Im Gegenteil: Ich bin immer großer Höflichkeit und viel Respekt begegnet.
Gleichzeitig veränderte sich das öffentliche Leben. Kinos und Konzerte wurden zugelassen, gemischte Sportveranstaltungen ermöglicht und das Land öffnete sich stärker für den internationalen Tourismus. Diesen Wandel mitzuerleben, war eine außergewöhnliche Erfahrung.
Welche Schwerpunkte möchten Sie in Norwegen besonders vorantreiben?
Ein zentrales Anliegen ist für mich, unsere Arbeit in den Bereichen Energie und Energietransformation weiterzuentwickeln. Ich durfte bereits bei tollen Formaten wie dem German-Norwegian Energy Dialogue, der Offshore Northern Seas-Messe (ONS) und auf der Arendalsuka auf einem Energiepanel dabei sein.
Die Energiepartnerschaft müssen wir heute jedoch in einem zunehmend geopolitischen Umfeld betrachten. Fragen der Versorgungssicherheit, der Wettbewerbsfähigkeit und der strategischen Zusammenarbeit sind eng miteinander verknüpft. Deutschland und Norwegen können hier gemeinsam wichtige Impulse setzen.
Daneben gewinnen Rohstoffe und Bergbau weiter an Bedeutung, insbesondere mit Blick auf kritische Rohstoffe und Seltene Erden. Sie sind eine zentrale Voraussetzung für die Energie- und Technologietransformation, aber auch für widerstandsfähige europäische Lieferketten. Hier sehe ich erhebliches Potenzial für einen vertieften deutsch-norwegischen Austausch.
Auch das Thema Verteidigung spielt im Rahmen der deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen eine sehr wichtige Rolle. Neben dem Defence Dialogue entwickeln wir neue Austauschformate.
Was möchten Sie mit der AHK Norwegen in den kommenden Jahren erreichen?
Deutschland und Norwegen verbinden bereits eine enge und vertrauensvolle Wirtschaftsbeziehung, in der sich beide Länder gut ergänzen. Gleichzeitig verändern geopolitische Spannungen, die Energie- und Industrietransformation sowie neue sicherheitspolitische Anforderungen die Rahmenbedingungen für Unternehmen.
Die AHK Norwegen ist mit ihrem Vorstand, dem kompetenten Team und den Mitgliedsunternehmen und Partnern bereits gut im Markt positioniert. Diese starke Basis gilt es zu nutzen, um uns als “Go-to-Place“ in Norwegen für den wirtschaftlichen Austausch, unsere Kernthemen und darüber hinaus zu positionieren.
Unsere Aufgabe als Handelskammer ist es, Entwicklungen frühzeitig aufzugreifen, Unternehmen zusammenzubringen und konkrete Kooperationen zu ermöglichen. Ich möchte gemeinsam mit unserem Vorstand, dem Team, unseren Mitgliedsunternehmen und unseren Partnern dazu beitragen, bestehende Verbindungen weiter zu vertiefen und neue Themenfelder zu erschließen.
Und dann habe ich auch noch ein persönliches Ziel für die nahe Zukunft.
Und das wäre?
Norwegisch lernen. Gerade hat mein Sprachkurs begonnen. Ich finde, dass man die Sprache des Landes, in dem man lebt und arbeitet, zumindest bis zu einem gewissen Niveau beherrschen sollte. Sprache erleichtert nicht nur die Kommunikation, sondern eröffnet auch einen direkteren Zugang zur Gesellschaft und zur Kultur.
Ich stehe zwar noch am Anfang, aber ich möchte die norwegische Sprache in der kommenden Zeit Schritt für Schritt in meinen Alltag integrieren.
Dr. Dalia Samra-Rohte ist in der Nähe von Hannover aufgewachsen. Sie hat an der Freien Universität in Politikwissenschaften promoviert und einen internationalen akademischen Hintergrund. Einen Großteil ihrer Karriere hat sie im AHK-Netzwerk verbracht und verschiedene Auslandshandelskammern geleitet. Sie lebt mit ihrer Familie in Oslo.
