Seit 2016 betreibt Jutta Falkner, Herausgeberin, Journalistin und Moderatorin das BusinessPortal Norwegen, einen Blog mit Fokus auf den Wirtschaftsstandort Norwegen. Darüber hinaus schreibt sie Bücher, die immer wieder einige der Besonderheiten Norwegens beleuchten. Aktuell hat sie das Buch „Norwegens Tunnel und Kavernen – eine Reise durch ein durchlöchertes Land“ veröffentlicht. Wir haben das zum Anlass für ein Interview genommen.
Bilder: ©Norway’s best Chris Baldry / privat
1. Frau Falkner, Ihr beruflicher Weg führte über Ost- und Mitteleuropa und Asien nach Norwegen. Nach dem Verkauf Ihres Verlages erhielten Sie ein Wettbewerbsverbot. Der neue Besitzer hatte allerdings den Norwegen-Newsletter, den Sie herausgaben,„vergessen“. So kam es zur Gründung des BusinessPortal Norwegen. Wenn Sie auf diese ungewöhnliche Wendung zurückblicken: War das eher Schicksal, Pragmatismus – oder beides?
Es war sicher beides. Hätte ich nach dem Verkauf meines Verlages nicht zu Norwegen publizieren dürfen, hätte ich mir wahrscheinlich ein anderes Land oder eine andere Region ausgesucht. Ich bin ganz glücklich, dass ich bei Norwegen gelandet bin.
2. Das BusinessPortal Norwegen ist fest in der bilateralen Informationslandschaft etabliert und feiert 2026 sein 10-jähriges Jubiläum. Wie haben sich die Arbeit und die Themen im Laufe der Jahre verändert?
Auch vor zehn Jahren stand die Themen Energie und Klimaziele bereits im Zentrum unserer Berichterstattung. Richtig spannend wurde es, als die ersten Batteriefabriken gebaut wurden und die ersten elektrischen Fähren über die Fjorde fuhren. Es gab jede Menge „Projekte“ zum Bau von Elektrolyseuren oder zur Produktion von Wasserstoff. Nicht alle angekündigten Vorhaben wurden auch realisiert. Aber viel Pionierarbeit wurde geleistet. So transportiert der Düngemittelkonzern Yara heute mit einem autonomen elektrischen Schiff „Yara Birkeland“ Dünger zum Hafen. Das Küstenroutenschiff „Havila Polaris“ hat kürzlich seine erste Rundreise mit ausschließlich Biogas im Tank absolviert. Und natürlich verfolgten wir, ob und wie es gelingen wird, Kohlendioxid abzuspalten und unter dem norwegischen Kontinentalschelf zu versenken. Heute ist das erste, vom norwegischen Staat finanziell unterstützte Projekt „Longskip“ erfolgreich abgeschlossen.
Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat Norwegen als Nachbarland zu Russland natürlich stark verändert. Das Land war schon immer ein wichtiges NATO-Mitglied. Heute ist es innerhalb der NATO für den Schutz der Nordflanke verantwortlich. Dementsprechend wird viel in die Rüstungsindustrie investiert. Die Beziehungen zu Deutschland sind seit Beginn des Krieges noch enger geworden. Zwar wurde die Zusammenarbeit zum Bau und Betrieb von U-Booten bereits 2018 vereinbart – aber seit 2022 gibt es jede Menge Kooperation im Bereich Verteidigung.
Jüngstes Thema, das in Norwegen vorangetrieben wird, ist die Weltraumindustrie. Die Zusammenarbeit mit Deutschland spielt hier eine große Rolle.
Und last but not least hat sich die Sicht auf die EU geändert. Von den EU-Schutzmaßnahmen im Bereich Ferrolegierungen war erstmals auch Norwegen als Nicht-EU-Land betroffen. Wie der Außenminister kürzlich erklärte, hat die Zusammenarbeit mit der EU auf der Grundlage des EWR-Abkommens auch ihre Grenzen. Vor dieser Zollentscheidung war ich noch sicher, dass Norwegen in nächster Zeit kein EU-Mitglied wird. Heute halte ich es für möglich, dass es vielleicht doch eine neue Abstimmung gibt.

3.Was macht für Sie die Faszination Norwegen heute aus – sowohl persönlich als auch journalistisch?
Jede Reise ist auch eine Urlaubsreise. Wenn ich auf die Fähre von Kiel nach Oslo oder aus dem Flieger steige, bleibt die Hektik in Deutschland hinter mir. Ich habe die Projekte oben bereits beschrieben, die mich als Journalistin faszinieren. Norweger wollen in vielen Bereichen gern die Ersten, die Größten und die Besten sein. Das liegt ihnen wahrscheinlich im Blut – die Polarforscher Roald Amundsen und Fridtjof Nansen lassen grüßen. Oft sind sie es ja auch, vor allem auf technischem Gebiet. Und wenn ein Vorhaben nicht klappt, nehmen sie eben ein anderes Projekt in Angriff. Sie sind mutiger als die Deutschen.
4. Ihr neues Buch „Norwegens Tunnel und Kavernen“ führt tief hinein in die unterirdische Infrastruktur des Landes. Was hat Sie persönlich an diesem Thema so fasziniert, dass daraus ein ganzes Buch entstanden ist?
Mich hat fasziniert, dass die Artikel über Tunnel, die auf BusinessPortal Norwegen veröffentlicht wurden, immer ungewöhnlich viele Klicks bekamen. Vor allem der Lærdaltunnel, der längste Straßentunnel der Welt, hat es meinen Lesern angetan. Also fing ich an, zu Tunneln in Norwegen zu recherchieren und habe dabei deren Vielseitigkeit entdeckt: all die längsten, die tiefsten oder die steilsten Tunnel der Welt. All die außergewöhnlichen Tunnel und deren Geschichten.
5. Beim Recherchieren für „Norwegens Tunnel und Kavernen“ sind Sie tief in die Geschichte, Technik und Kultur eines Landes eingetaucht, das viel unter der Oberfläche verborgen hält. Gab es einen Tunnel oder eine Geschichte, die Sie besonders überrascht hat?
Ja, der Ofredalstunnel, der steilste Tunnel der Welt. Er ist so steil geworden, weil man erst nach der Hälfte der Strecke gemerkt hat, dass man nicht dort herauskommt, wo man herauskommen wollte. Also entschloss sich das Bauunternehmen, die zweite Hälfte mit einer Steigung von 15,5 Prozent zu bauen. Die norwegische Straßenverwaltung empfiehlt keine Steigung über acht Prozent. Der Journalist Dag H. Nestgard beschreibt in seinem Buch „Vegar gjennom fjell“ eine Fahrt durch den Tunnel. Ich habe diese Passage in mein Tunnelbuch übernommen. Ich selbst würde nie durch den Ofredalstunnel fahren.
Ansonsten kann man nur über die ingenieurtechnischen Leistungen staunen. Das Buch ist zuallererst Unterhaltung, die Wissen vermittelt. Aber auch eine Hommage an die Kühnheit der Ingenieure.
6. In Ihren Büchern zeigen Sie sehr unterschiedliche Facetten Norwegens – Superlative, Kulinarik, nun Tunnel und Kavernen. Wie wählen Sie die Themen für neue Projekte aus? Folgt das mehr der Neugier oder einer strategischen Planung?
Keine strategische Planung. Ich greife Themen auf, die mich verwundern. Im ersten Buch „Norwegen superlativ. Rankings, Rekorde, Innovationen“ stelle ich Projekte vor, bei denen die Norweger tatsächlich weltweit Spitze sind. Bei „Gourmet-Nation Norwegen“ wollte ich ergründen, was hinter der Strategie „Matnasjonen Norge“ steckt, die die norwegische Regierung 2021 verabschiedet hat. Es wurde ein wirklich spannendes Buch über die Esskultur in Norwegen. Und bei den Tunneln haben die vielen Klicks den Anlass gegeben.
7. Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Projekte schwirren Ihnen bereits im Kopf herum? Und gibt es noch Aspekte Norwegens, die Sie gerne journalistisch oder als Autorin erschließen möchten?
Oh ja, da gibt es noch viele interessante Themen. Ich würde gern einmal im Sommer von Nord nach Süd reisen und unterwegs die interessantesten Unternehmen oder Produktionsstätten besuchen und darüber schreiben. Und ich möchte herausfinden, wo all die E-Mails bleiben, die man nach Norwegen verschickt und auf die man niemals eine Antwort bekommt.
