Deutschland will stärkste Armee Europas werden – das sind die Auswirkungen auf Norwegen

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am Mittwoch ein Gesamtpaket aus Militärstrategie, Personalaufbau, Reservestrategie sowie Maßnahmen zum Bürokratieabbau vorgelegt. Die Bundeswehr soll zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden. Das hat Auswirkungen auf Norwegen – politisch, militärisch und wirtschaftlich.

Es sind Zeilen, die in Deutschland bis vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wären: In ihrer Militärstrategie, der ersten überhaupt, hat die Regierung das Ziel formuliert, die deutschen Streitkräfte zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Dies soll vor dem Hintergrund einer „deutlich verschärften Sicherheitslage in Europa“ erfolgen. Das Land verfolgt damit das Ziel, „sich und seine Verbündeten wirksam schützen zu können“. Damit nimmt Deutschland jene militärische Führungsrolle in Europa an, die es bis vor Kurzem stets abgelehnt hatte.

Mehr Soldaten, mehr Einsatzbereitschaft, mehr Tempo

Im Zentrum der neuen Strategie steht die klare Ausrichtung der deutschen Streitkräfte auf Abschreckung und Verteidigung als Mitglied der NATO. Deutschland will eine stärkere konventionell-militärische Führungsrolle innerhalb des Bündnisses spielen. Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte bei der Vorstellung der Strategie: „Wir werden die Einsatzbereitschaft unserer Bundeswehr weiter stärken – und das mit Tempo.“

Kern der neuen Ausrichtung sind drei eng miteinander verzahnte Elemente: eine Militärstrategie, ein verbindliches Fähigkeitsprofil der Bundeswehr sowie ein umfassender personeller Aufbau. Kurzfristig soll die Einsatzbereitschaft bis 2029 deutlich steigen. Langfristig sind bis 2039 technologisch überlegene und hochinnovative Streitkräfte vorgesehen. Die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten soll auf bis zu 260.000 steigen, ergänzt durch rund 200.000 Reservistinnen und Reservisten.

Parallel werden Beschaffung, Infrastruktur und Verwaltung beschleunigt und modernisiert, um die Einsatzfähigkeit kurzfristig zu erhöhen.

Relevanz für Norwegen

Für Norwegen ist die neue deutsche Militärstrategie von besonderer Bedeutung. Als verlässlicher NATO-Partner und als führende Logistik- und Drehscheibennation im Bündnisfall stärkt Deutschland mit dieser Strategie unmittelbar die kollektive Verteidigungsfähigkeit Europas – einschließlich der NATO-Nordflanke. Eine besser ausgestattete, schneller verlegbare und durchhaltefähige Bundeswehr erhöht die Abschreckung im Ostseeraum, im Nordatlantik und in der Arktis, die für Norwegen sicherheitsstrategisch zentral sind. Ein besonderer Blick wird dabei auf den Schutz internationaler Seeverbindungs- und Kommunikationslinien gerichtet. Als eine Priorität sollen entsprechende Kräfte zugeteilt werden, um zum Schutz verteidigungswichtiger Infrastrukturen beizutragen.

Deutschland betont zudem die engere Verzahnung nationaler und NATO-Fähigkeitsziele. Das erleichtert die operative Zusammenarbeit mit Verbündeten wie Norwegen – etwa bei gemeinsamen Übungen, bei der maritimen Sicherheit, in der Luftverteidigung sowie in den Bereichen Cyber- und Weltraumoperationen. Die Stärkung der Reserve und der Schutz kritischer Infrastruktur unterstreichen Deutschlands Rolle als Garant für stabile Nachschub- und Verstärkungslinien im Bündnisfall. Das ist ein Schlüsselfaktor für die Verteidigung Nordeuropas.

Die deutsche Armee soll im kommenden Jahrzehnt zu „technologisch überlegenen Streitkräften“ werden. Dafür ist das Land auf internationale Zusammenarbeit sowie auf Wissenstransfer über Landesgrenzen hinaus angewiesen. Norwegen verfügt über eine innovative und technologisch hochentwickelte Verteidigungsindustrie. Gleichzeitig ist das Land in diesem Bereich ein bevorzugter Partner Deutschlands. Gemeinsame Projekte wie die Entwicklung von U-Booten, die Zusammenarbeit in der Raumfahrt oder das kürzlich geschlossene Hansa-Abkommen sind nur einige Beispiele dafür. Dass sich hier weitere Möglichkeiten für die norwegische Industrie ergeben können, ist wahrscheinlich.