Norwegische Tracing-App seit April im Einsatz

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Während in Deutschland weiterhin an einer Corona-Tracing-App gearbeitet wird und mit dem Launch frühestens im Juni gerechnet wird, steht in Norwegen bereits seit dem 16. April die App „Smittestopp” zum Download. Im Gespräch mit der AHK Norwegen erklärt Olav Lysne vom norwegischen Forschungsinstitut Simula die Herausforderungen bei der Entwicklung und inwiefern sich die norwegische Lösung von den deutschen Plänen unterscheidet.

In Norwegen ist die App mit dem Namen „Smittestopp” (dt.: Ansteckungsstopp) seit 16. April auf vielen Handys installiert und ein vielversprechendes Tool zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie. Die Daten zur Nachverfolgung von Ansteckungsketten werden über Bluetooth und GPS gesammelt und auf einem zentralen Server gespeichert. Die App soll nicht nur das Tracing von Ansteckungen vereinfachen und verbessern, sondern auch Daten sammeln, auf deren Grundlage Entscheidungen über strengere oder lockere Maßnahmen für die Gesellschaft getroffen werden können.

Entwicklung unter Hochdruck

Die norwegische App ist in Zusammenarbeit zwischen dem norwegischen Gesundheitsamt FHI (Folkehelseinstituttet) und dem Forschungsinstitut Simula Research Laboratory entstanden, das dem Ministerium für Bildung und Forschung unterstellt ist und im engen Austausch mit den Behörden steht. Seit dem Lockdown am 12. März wurde unter enormen Zeitdruck an der Entwicklung gearbeitet. „Normalerweise dauert die Entwicklung einer solchen App ein halbes Jahr. Zwischen den ersten programmierten Codes und der finalen App im App-Store liegen nur fünf Wochen“, berichtet Lysne, Projektleiter für die Entwicklung der App beim Simula Research Laboratory.

Neben dem Zeitdruck gab es auch eine technische Herausforderung im Zusammenhang mit der Bluetooth-Funktion auf iPhones. „Um den Abstand zwischen zwei iPhones mit Bluetooth zu messen, muss die App stets im Vordergrund laufen. Sobald die App im Hintergrund läuft und das Handy gesperrt ist, funktioniert Bluetooth nicht mehr einwandfrei“, erklärt Lysne. „In Norwegen ist der Marktanteil an iPhones sehr hoch, weshalb eine zentrale Datenspeicherung bevorzugt wurde, die diese technische Schwäche kompensieren kann.“

Zentrale vs. dezentrale Lösung

Nach massiver Kritik von Datenschützern hat sich die deutsche Bundesregierung für eine dezentrale Speicherlösung entschieden und folgt damit den Empfehlungen des Europäischen Datenschutzausschusses. In Norwegen wird derzeit eine zentrale Lösung bevorzugt, die Kontakte zwischen Telefonen speichert, um Ansteckungsketten zu verfolgen und schneller zu stoppen. Anders als in Deutschland soll mit der App zudem eine Datengrundlage geschaffen werden, um die Effekte der Lockdown-Maßnahmen untersuchen und beurteilen zu können. Die App sammelt anonyme Daten darüber, wie sich Menschen bewegen und wie viele sie treffen.

Ein Nachteil der zentralen Lösung ist die Gefahr der Zweckentfremdung von Daten, zum Beispiel um zu kontrollieren, wer die Quarantäneregeln einhält und wer nicht. „In Norwegen haben wir aus meiner Sicht ein großes Vertrauen in den Staat, weshalb diese Lösung gut funktioniert. In anderen Ländern besteht ein anderes Verhältnis zu Datensicherheit und -missbrauch sowie staatlicher Kontrolle. Deutschland hat zum Beispiel eine völlig andere Vorgeschichte als Norwegen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Diskussion in Deutschland anders geführt wird“, meint Lysne.

Die norwegische App folgt den Regeln der Datenschutz-Grundverordnung und wird von der Norwegian Data Protection Authority überwacht. „Es gibt klare Regeln, wie lange die Nutzerdaten gespeichert werden – und selbstverständlich werden die Daten auf Wunsch gelöscht. Aus technischer und rechtlicher Perspektive haben wir die App so sicher wie möglich gestaltet“, betont Lysne.

App in der Validierungsphase

Seit dem Launch am 16. April wurde die App über eine Million Mal heruntergeladen. „In Bezug auf die Funktionalität befinden wir uns in der Validierungsphase. Derzeit testen wir in den Kommunen Drammen, Trondheim und Tromsø die Tracing-Funktion. Erste Ergebnisse zeigen, dass das System wie geplant funktioniert und einen wichtigen Beitrag leisten kann, die R-Zahl (Reproduktionszahl) zu reduzieren“, so Lysne. Mithilfe der App können Ansteckungsketten innerhalb kürzester Zeit angezeigt und unterbrochen werden. Bei der manuellen Verfolgung dauert dies bis zu drei Tage.

Bilaterale Forschungsarbeit zwischen Berlin und Oslo

Simula arbeitet eng mit der Technischen Universität sowie dem Einstein Center Digital Future (ECDF) in Berlin zusammen und hat ein bilaterales Stipendiaten-Programm für Doktoranden etabliert. „Ausschlaggebend für die Zusammenarbeit mit Deutschland war unter anderem die Gründung des Einstein Center Digital Future mit rund 50 Professuren im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie“, erzählt Lysne. Durch die Deutschlandstrategie der norwegischen Regierung nehme die Zusammenarbeit mit Deutschland zudem einen großen Stellenwert ein.

„Im Bereich der Digitalisierung können Deutschland und Norwegen sehr viel voneinander lernen. Deutschland ist ein großes Land mit einer starken Industrie. In Norwegen haben wir einige Nischen, in denen wir stark aufgestellt sind. Beispiele sind die elektronische Infrastruktur sowie die Digitalisierung im öffentlichen Sektor und im E-Health- Bereich. Es ist also kein Wunder, dass wir diesen Bereich zusammenarbeiten – auch wenn diese Zusammenarbeit in erster Linie akademisch ist.“

Weitere Fragen zur Smittestopp-App? Lesen Sie hier das Q&A von Simula.

Sarah Huesmann