Stian Jenssen, Partner bei Industry Capital Partners (ICP), verfügt über eine umfassende Karriere in der internationalen Politik und Sicherheit. Er war unter anderem Stabschef und rechte Hand von Generalsekretär Jens Stoltenberg in der NATO und hat Erfahrung im Verteidigungsministerium. Bei der Mitgliederversammlung 2025 der AHK Norwegen wird er einen Vortrag über die geopolitischen Landschaft Europas halten. Dabei wird er deb Fokus auf Norwegen und Deutschland legen. Wir haben ihm vorab ein paar Fragen zur Entwicklung der deutsch-norwegischen Zusammenarbeit und größeren globaler Trends gestellt.
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Sie hatten eine zentrale Rolle in der NATO inne und sind nun in der Wirtschaft tätig. Wie nehmen Sie den Einfluss Deutschland – als Schlüsselakteur in Europa – auf die globalen Machtverhältnisse wahr und welchem Einfluss ist Deutschland selbst ausgesetzt? Welche Rolle kann Norwegen in diesem Zusammenspiel spielen?
Deutschland ist sowohl in Europa als auch in der transatlantischen Zusammenarbeit ein Schlüsselakteur – politisch, wirtschaftlich und zunehmend auch militärisch. Während meiner Jahre in der NATO habe ich eine erhebliche Veränderung der deutschen Rolle beobachtet: Von Zurückhaltung hin zu einem Land, das bereit ist, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dies zeigt sich insbesondere in den gestiegenen deutschen Investitionen in die Verteidigung. Das ist gut für Deutschland, für Norwegen, für Europa und für die NATO.
Der grüne Wandel steht sowohl in Deutschland als auch in Norwegen weit oben auf der Agenda. Wie können Technologie, Innovation und Klimaambitionen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern vorantreiben, insbesondere in den Bereichen Energie und Industrie?
Man darf nicht vergessen, dass Energie Geopolitik ist. Viele in Europa haben das übersehen. Es ist noch nicht lange her, dass viele in Europa glaubten, der Kauf von Gas aus Russland sei eine rein kommerzielle Angelegenheit. Der Krieg in der Ukraine war ein brutales und abruptes Erwachen, ein Schock für die europäischen Energiemärkte. Der Preis war hoch und wird voraussichtlich noch lange hoch bleiben.
Man darf nicht vergessen, dass Energie Geopolitik ist!
Ich halte es für wichtig, diese Lektion nicht zu vergessen, wenn wir ein Energiesystem für die Zukunft entwickeln. Europa braucht vor allem mehr Energie – sowohl fossile als auch erneuerbare. Norwegen ist das einzige Land in Europa, das Nettoexporteur von Energie ist, und das bietet große Möglichkeiten für eine verstärkte Zusammenarbeit und engere Integration.
Derzeit exportiert Norwegen vor allem Energie in Form von Öl und Gas….
Norwegens Öl- und Gasvorkommen sind natürlich von zentraler Bedeutung. Aber Norwegen ist auch in einer guten Position, um zu Europas grünem Übergang beizutragen, und zwar durch Wasserkraft, die Sonne und Wind auf dem Kontinent ausgleichen kann, mit einer guten Ausgangsbasis für den Erfolg sowohl von Offshore-Windkraft als auch von Kohlenstoffabscheidung und -speicherung und durch bedeutende Mineralvorkommen, die für den grünen Übergang notwendig sind. Hier gibt es viele Kooperationsmöglichkeiten zwischen Norwegen und Deutschland.
Angesichts der aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen in Europa – wie können Deutschland und Norwegen ihre komplementären Stärken in Verteidigung, Industrie und Diplomatie nutzen, um sowohl nationale als auch gemeinsame Interessen in einer instabilen Weltlage zu wahren?
Wir leben in einer Zeit zunehmender Großmachtrivalitäten. Eine Zeit, in der sich die Struktur des internationalen Systems verändert. Wir erleben eine Umkehr von Entwicklungen: von Freihandel, Globalisierung und der Verbreitung der Demokratie hin zu einer Welt mit mehr Protektionismus, mehr Kriegen und Konflikten sowie einem Vormarsch autoritärer Staaten. Die Welt wird zunehmend geteilt und fragmentiert – politisch, wirtschaftlich, wertebasiert und digital. Um es überspitzt zu formulieren: Wir bewegen uns von einer regelbasierten, offenen und friedlichen Epoche hin zu einer, in der Macht das Sagen hat.
Das sind eher trübe Aussichten...
Ich bin dennoch vorsichtig optimistisch: Ja, wir stehen vor einer schwierigeren geopolitischen Lage. Ja, wir müssen uns auf eine neue Welt vorbereiten. Ja, wir werden mehr Geld für Verteidigung ausgeben und mehr Verantwortung für unsere eigene Sicherheit übernehmen müssen. Aber wir neigen dazu, unsere eigene Stärke zu unterschätzen. Tatsächlich verfügen wir über erhebliche Kapazitäten, um mit dieser schwierigen Situation umzugehen. Wenn ich von „wir“ spreche, meine ich jedoch weder Deutschland noch Norwegen allein. Wir sind zunehmend auf eine enge Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Ländern angewiesen – und hier haben Deutschland und Norwegen eine starke Basis für eine noch engere Partnerschaft.
Möchten Sie mehr von Stian Jenssen hören?
Am 24. April 2025 hält er bei der Mitgliederversammlung der AHK Norwegen einen Vortrag, gefolgt von einem moderierten Gespräch und einer Q&A-Runde. Melden Sie sich an und seien Sie dabei!
