„Wie viele deutsche Unternehmen gibt es in Norwegen?“ – diese Frage erreicht uns immer wieder. Wir haben uns in Statistiken und Registern umgeschaut. Doch wer jetzt auf eine banale Zahl hofft, wird enttäuscht. Denn die Sache ist kompliziert.
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Wir, die AHK Norwegen, haben derzeit rund 800 Mitgliedsunternehmen – davon zwischen 500 und 600 deutsche. Das sind aber nicht alle Unternehmen aus der Bundesrepublik, die in Norwegen aktiv sind. Die Frage, wie viele es tatsächlich sind, erreicht uns immer wieder. Zahlen dazu gibt es leicht zugänglich in Statistiken und Registern. Diese unterschieden sich allerdings stark. Schnell wird klar: Die Frage ist eine einfache, die Antwort darauf aber schwierig.
Das sagt das deutsche statistische Bundesamt (DESTATIS)
Zwar sind die aktuellsten Zahlen von DESTATIS nicht ganz neu, dafür mit Ländergrafik (s. unten). Das Bundesamt gibt an, dass im Jahr 2021 297 Tochterunternehmen deutscher multinationaler Unternehmen in Norwegen tätig waren. Im Folgejahr waren es laut der Behörde deren 300.

Die Norweger kommen auf deutlich mehr
Norwegens Gegenstück zu Destatis, das norwegische statistische Zentralbüro (SSB), veröffentlicht ebenfalls eine Übersicht über Unternehmen im Inland, die entweder direkt oder indirekt unter ausländischer Kontrolle stehen. Aus methodischen Gründen nimmt SSB norwegische Niederlassungen mit einem kleineren Nettoumsatz als 15 Millionen NOK und/oder weniger als zehn Vollzeitstellen nicht in die Statistik auf. Die Begründung im Statistik-Kleingedruckten: In diesen Fällen sei die letztlich kontrollierende Einheit meist eine natürliche Person mit Wohnsitz in Norwegen. Trotz dieses Kriteriums kommen die Norweger mit 522 Unternehmen auf annähernd doppelt so viele Unternehmen wie ihre deutschen Kollegen. Zwar bezieht sich die SSB-Statistik auf ein anderes Jahr als jene von DESTATIS; ein so großer tatsächlicher Zuwachs innerhalb eines Jahres kann aber ausgeschlossen werden.

Brønnøysundregistrene und Organisationsformen
Nebst dem norwegischen Statistischen Amt erfasst auch das norwegische Handelsregister, genannt die Brønnøysundregistrene, Unternehmen im Land. Die Antwort variiert je nach Abfragekriterien: Zum einen gibt es die Möglichkeit, nach Hauptsitz- und/oder Postadresse zu filtrieren. Liegt diese in Deutschland, legt das nahe, dass es sich um ein in Norwegen tätiges Unternehmen aus der Bundesrepublik handelt. Per November 2025 gibt es davon im Handelsregister 4425 Stück. Allerdings sind einige davon doppelt registriert, mit verschiedenen Organisationsformen. Zählt man die Unikate, so sind es noch 3464 Unternehmen und Organisationen. Es bleibt allerdings unklar, welche davon aktiv sind.
Grundsätzlich muss jedes Unternehmen, welches Geschäfte in Norwegen macht, registriert sein. Das gilt auch für Unternehmen, die beispielsweise nur Waren aus Deutschland liefern, also nicht zwingend eine eigene Niederlassung in Norwegen haben. Alle solchen in Norwegen registrierten, nicht ansässigen ausländischen Unternehmen sind als sogenannte NUFs registriert. Die Brønnøysundregistrene listen aktuell 1355 deutsche NUFs in Norwegen.
Schwieriger ist es aber zum Beispiel bei deutschen Konzerntöchtern, die fest in Norwegen etabliert sind und deren Verbindung zu Deutschland nur durch Eigentümerstruktur und -kontrolle sichtbar wird. Sie sind in den Brønnøysundregistrene nicht als solche erkennbar.
Ausländische Direktinvestitionen (FDIs)
Einen etwas anderen Einblick in die deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen liefert die Betrachtung von Auslandsdirektinvestitionen (Foreign Direct Investments, FDIs). FDIs zeigen, wie viel Kapital deutsche Unternehmen in Norwegen investieren. Dabei lässt sich in den Statistiken des SSB nach dem unmittelbaren und dem ultimativen Herkunftsland des investierten Kapitals unterscheiden. Während das unmittelbare Herkunftsland das Land bezeichnet, aus dem das Geld direkt in das Unternehmen fließt, betrachtet das ultimative Herkunftsland die gesamte Eigentümerkette. Das ultimative Herkunftsland ist jenes Land, in dem das letzte Unternehmen oder die letzte Person in der Eigentümerkette ansässig ist – also dort, wo keine weitere Kontrolle durch ein anderes, übergeordnetes Unternehmen mehr besteht. Damit wird die Herkunft des Kapitals sichtbar. An dieser Unterscheidung lässt sich erkennen, dass Kapital und Einfluss heute oft über komplexe Beteiligungsstrukturen und mehrere Länder hinweg fließen – ein Umstand, der die Frage nach der Herkunft eines Unternehmens deutlich vielschichtiger und komplexer macht.
Laut SSB war Deutschland 2024 ultimatives Herkunftsland von knapp 80 Mrd. NOK Direktinvestitionen in Norwegen. Die Bundesrepublik lag damit auf dem 7. Platz hinter Ländern wie den USA oder dem Vereinigten Königreich, aber auch Schweden, Finnland oder der Schweiz. Unmittelbar stammten rund 60 Mrd. NOK aus Deutschland.

Was ist ein „Unternehmen“? Und was ist ein „deutsches“ Unternehmen?
Ein Grund, weshalb sich die Zahlen in unterschiedlichen Registern und Statistiken so stark unterscheiden, liegt darin, dass diese „Unternehmen“ unterschiedlich definieren.
Seit 2018 stützt sich DESTATIS zum Beispiel auf den Unternehmensbegriff, der von der EU vorgegeben ist. Dieser definiert ein Unternehmen als die „kleinste Kombination rechtlicher Einheiten, die eine organisatorische Einheit zur Erzeugung von Waren und Dienstleistungen bildet und über eine gewisse Entscheidungsfreiheit verfügt“. Was ist aber mit deutschen Stiftungen, Non-Profit-Organisationen oder kulturellen Einrichtungen, wie sie etwa im norwegischen Handelsregister geführt sind? Muss eine Organisation gewinnorientiert sein, bzw. einen Gewinn erzielen, um als Unternehmen gezählt zu werden? Und muss es eine Niederlassung, bzw. Postadresse in Norwegen haben oder reichen Geschäfte aus der Ferne?
Noch schwieriger ist die Definition des Herkunftslands. Denn im Zeitalter globaler Wertschöpfungsketten und internationaler Beteiligungen verschwimmen die Grenzen. Wann ist ein Unternehmen „deutsch“? Etwa, wenn der Hauptsitz in Deutschland liegt? Oder reicht eine Unternehmensgründung in Deutschland oder von einer deutschen Person? Oder sind Eigentum und Kontrolle bessere Herkunftsindikatoren? Falls ja, wie viele deutsche Anteilseigner, bzw. welcher Prozentsatz ist ausschlaggebend? Muss es eine mehrheitliche deutsche Beteiligung sein?
Diese Unklarheiten zeigen: Die beste Antwort ist wohl: „Kommt darauf an“. Gefolgt von der Gegenfrage, wie man deutsche Unternehmen definiert und auf welche Statistiken oder Verzeichnisse man sich stützen will.
