Die neuen Mythen stricken

Deutsch Norwegisch (Buchsprache)

Gastkommentar von:
Kai Hanno Schwind, Medienwissenschaftler und Humorforscher an der Hochschule Kristiania in Oslo; betreibt gemeinsam mit der Journalistin Ingrid Brekke den Podcast Tyskerne mit Themen aus Politik und Kultur

Wie spiegelt sich eine Kultur in der Kunst? Eine mögliche Antwort auf diese Frage konnte man im vergangenen Jahr erleben, während sich Norwegen als Gastland auf der Frankfurt Buchmesse präsentierte. Das Motto: The Dream We Carry. Die Woche in Frankfurt, vollgepackt. Mette-Marit im Literaturzug der Deutschen Bahn (pünktlich), Erika Fatlands Rede mit Seitenhieb an die anwesende Erna Solberg (kritisch), Verkaufsrekord in der Buchhandlung (lukrativ), im viel diskutierten norwegischen Pavillon (spartanisch). Ein deutscher Bekannter fragte verstohlen und hinter vorgehaltener Hand: „Warum hängen denn da so große Bilder vom Waldsterben?“ – Mensch, das ist eine norwegische Winterlandschaft!

Ohne Frage: Die Deutschen lieben ihr (klischeehaftes Bild von) Norwegen, nie war das Interesse an norwegischer Literatur und Kultur größer. Aber wie sieht es andersherum aus? Interessiert man sich im Gegenzug auch für deutsche Literatur, Kunst und Kultur jenseits der Stereotypien – Hitler, Bratwurst, DDR und Derrick? Und wo soll der Norweger hinschauen, wenn er etwas über Deutschland Anno 2019 erfahren will? Zum Beispiel in Jenny Erpenbecks grandiosen Roman „Aller Tage Abend“ (norsk: Alle dagers ende), in dem die Autorin ihre namenlose Hauptfigur fünfmal sterben lässt, zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens, an Wendepunkten zu neuen gesellschaftlichen Epochen. Ein Roman, der so persönlich und leise er auch ist, doch von den großen historischen Transformationen erzählt, die in Europa so eng aufeinander folgen und dabei auch die übereinander gestapelten Ereignisse freilegt, denen man auch dieses Jahr wieder versuchte, am deutschen Schicksalstag – dem 9. November – zu gedenken.

Etwas weniger Ernst gefällig? Dann vielleicht die Filmkomödie „Toni Erdmann“ von Maren Ade (norsk: Min Pappa Toni Erdmann), die auf virtuose Art und Weise und voller Peinlichkeitshumor eine anrührende Vater-Tochter-Geschichte erzählt und ganz nebenbei beweist, dass deutscher Humor durchaus exportfähig ist: Der Film gewann nicht nur den Europäischen Filmpreis, sondern war außerdem Deutschlands Beitrag bei der Oscarverleihung 2017. Aber auch die neuen deutschen Fernsehserien können sich sehen lassen und beweisen dabei eine aufregende Themenvielfalt: Krimi zur Zeit der Weimarer Republik in „Babylon Berlin“ (NRK), Zeitreisen-Mystery in „Dark“ (Netflix) und eine knallharte Neo-Nazi-Satire in „Familie Braun“ (norsk: Familien Brun på NRK). Überhaupt, Satire: Will man etwas über eine Kultur erfahren, muss man sich anschauen, worüber sie sich lustig macht. Deutsche Satire ist zum einen besser als ihr Ruf im Ausland, zum anderen wesentlich härter und kompromissloser als das, was man in Norwegen gewöhnt ist. Die Satire-Zeitschrift „Titanic“ provoziert seit Jahren mit ihren Titelbildern und der Satiriker Jan Böhmermann wird aufgrund eines Sketches vom Staatspräsidenten der Türkei verklagt.

Nur durch die Lust an diesen neuen Geschichten, Witzen und Widersprüchen kann ein kritisches Verständnis dafür entstehen, was der britische Historiker Eric Hobsbawn einmal „invented traditions“ (erfundene Traditionen) genannt hat und gibt einen Eindruck davon, wie ein Land versucht, seine neuen Mythen zu stricken. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung lernen auch wir Deutschen uns untereinander weiterhin kennen. Das ist nicht einfach. Manchmal tut es weh. Es kann aber auch gehörig Spaß machen.

Deutschland Anno 2019 gibt sich Mühe, im Ausland einen guten Eindruck zu hinterlassen, ist kulturell manchmal geprägt von einem vorauseilenden Minderwertigkeitskomplex und tut sich immer noch schwer mit seiner politischen Führungsrolle in der Europäischen Union. All das und mehr gibt es für Norweger zu entdecken, wenn sie sich die Mühe machen, das große Land mit der dunklen Vergangenheit und der bunten Zukunft näher kennenzulernen.