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Die Journalistin und Schriftstellerin Erle Marie Sørheim (36) arbeitet freiberuflich für die norwegische Tageszeitung Dagbladet und berichtet unter anderem über Norwegens Engagement auf der Frankfurter Buchmesse. Vor kurzem erschien ihr zweites Buch „Til Berlin faller“. Seit elf Jahren schreibt sie von Berlin aus über Deutschland, und ist so Zeugin bedeutender Veränderungen in der Hauptstadt geworden.

„Die Stadt hat sich von arm, aber sexy zu reich, aber vielleicht nicht mehr ganz so sexy entwickelt. Heute erlebe ich viele verschiedene Gruppen von Expats, die sich nicht integrieren, was ich sehr schade finde. Als ich nach Berlin kam, hörten die Baristas in den Cafés sofort, dass ich aus dem Ausland war, und haben schnell zu Englisch gewechselt, während ich gerne Deutsch sprechen wollte. Mittlerweile sprechen sie mit mir Englisch, weil sie diejenigen sind, die kein Deutsch können“, erzählt Sørheim.

Für die Norwegerin war es sehr wichtig, die deutsche Sprache zu lernen und sich in der Gesellschaft zu integrieren. „Als Journalistin ist es für mich eine Voraussetzung, dass ich den politischen Debatten und kulturellen Ereignissen folgen kann, über die ich berichte. Ich habe festgestellt, dass viele Expats nicht verstehen, was um sie herum passiert. Es ist leicht zu sagen, dass Einwanderer häufig in einer Parallelgesellschaft leben, aber die meisten Menschen aus den westlichen Ländern verhalten sich nicht anders, wenn sie sich im Ausland aufhalten.“

Lektionen aus der Geschichte

Sørheim brennt für die deutsch-norwegische Zusammenarbeit und versucht, das Interesse für Deutschland unter Norwegern zu stärken. An dem Interesse der Deutschen für Norwegen sei nichts auszusetzen. Mit der Zeit habe sie jedoch erkannt, wie wichtig es ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, um das heutige Deutschland wirklich zu verstehen.

„Als ich nach Berlin kam, fand ich den zweiten Weltkrieg nicht sonderlich interessant. Berlin war cool und ich wollte mich auf das moderne Deutschland konzentrieren. Aber dann wohnt man eine Weile hier und realisiert, wie wichtig die Geschichte ist, und wie viel man daraus lernen kann, insbesondere in einer Zeit mit Trump, der Polarisierung der Gesellschaft und Fake News. Man denkt, dass das alles neu ist, aber Goebbels war ja ein Meister dieses Themas.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben?

„Ich bin auf die beiden Tagebücher von Theo Findahl gestoßen, der für Aftenposten während des zweiten Weltkriegs Korrespondent in Berlin war. Dann sprach ich mit meinem Verlag, und er war offen für Ideen, wenn ich etwas finden würde. In den Büchern stehen viele norwegische Namen, die ich nicht kannte, und die aus der Geschichte verschwunden sind. Ich habe ein norwegisches Milieu in Berlin erkannt, und dachte, es wäre spannend, über dessen Aktivitäten in den Kriegsjahren zu berichten.“

Ein norwegisches Milieu in Berlin

„Til Berlin faller“ handelt von Findahl, seinem Neffen Sverre Bergh, der in Dresden studierte und Spionage für die Alliierten betrieb, sowie Wanda Heger, der Tochter des Anwalts Johan Bernhard Hjort – ehemaliger stellvertretender Leiter der NS – und ihrer Gefängnisarbeit während der Zwangsverhaftung ihrer Familie in Deutschland.

Der norwegische Ruderklub in Berlin, der noch heute existiert, war ein Treffpunkt für Norweger und spielt deshalb im Buch eine zentrale Rolle. Bei ihrer Recherche wurde Sørheim bewusst, dass sich viele Norweger unabhängig von ihrer Ideologie trafen: Die Unterscheidung zwischen Sympathisanten und Gegnern des NS-Regimes war nicht immer eindeutig. „Sie hatten mehr miteinander zu tun, als sie im Nachhinein zugeben wollten, und man kann der Selbstdarstellung in ihren Büchern nicht ganz trauen. Diese Quellen müssen kritisch gelesen werden. Daher war es mir wichtig, meine Erkenntnisse von anderen Quellen aus verschiedenen Archiven zu bestätigen. Dabei bin ich auf einige unerwartete NS-Mitgliedschaften gestoßen.“

Wie unterscheiden sich Norweger in Berlin damals und heute?

„Wenn man früher in die Welt hinausziehen wollte, musste man nach Deutschland. Nach dem Krieg war damit Schluss, in den letzten Jahren ist es aber wieder beliebter geworden. Damals konnte sich nur das Bürgertum die Reise leisten, weil es in Deutschland teurer als in Norwegen war. Nach dem Mauerfall hat sich in Berlin wieder eine norwegische Künstlerszene entwickelt. Es hat eine Art Demokratisierung stattgefunden, und mittlerweile können die meisten ins Ausland reisen und dort auch studieren.“

Welche Intention haben Sie mit Ihrem Buch?

„Das Buch handelt vom zweiten Weltkrieg und dem Dritten Reich, aber auch vom Ende der deutsch-norwegischen Beziehungen, wie man sie damals kannte. Vor kurzem hat mich eine Frau angerufen, die mir mitteilte, dass ihre Mutter 1941 in Berlin war und mit ihr schwanger wurde, aber sie wusste nicht, warum sie sich in Deutschland aufgehalten hatte. Da ich nun ziemlich gut über dieses Thema informiert bin und das deutsche Archivsystem kenne, hoffe ich, dass ich solchen Personen auf der Suche nach einer Antwort helfen kann. Das bedeutet mir sehr viel.“

Sørheim hat drei Jahre an dem Buch gearbeitet und gleichzeitig journalistische Aufträge angenommen. Sie erzählt von einem umständlichen Prozess mit viel Quellenarbeit und Gegenprüfungen. „In vielerlei Hinsicht war es einsam, weil meine Quellen nicht mehr leben. Ich habe es aber geschafft, Wanda Heger zu treffen, bevor sie verstarb, und das war unglaublich wertvoll. Mit dieser Zeitzeugin habe ich einen noch besseren Zugang zur Geschichte erhalten.“

Ein Buch für die jüngere Generation

„Til Berlin faller“ ist in erster Linie ein Buch, dass die Geschichte von Menschen und nicht von militärischen Operationen erzählt. Für Sørheim war es trotzdem wichtig, die Geschehnisse in einem zeitlichen Ablauf wiederzugeben, damit der Leser sich besser orientieren kann.

„Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für Großväter, aber ich habe es auch für unsere Generation geschrieben. Ich habe den Eindruck, dass Literatur über den zweiten Weltkrieg oftmals ein gewisses Vorwissen voraussetzt – man soll die Chronologie im Kopf haben und die Geschichte kennen. Aber dies ist bei jüngeren Altersgruppen nicht unbedingt der Fall. Deshalb habe ich die Geschichte chronologisch aufgebaut, damit der Leser genau weiß, von welchem Zeitpunkt die Rede ist.“

Hilde Bjørk
Übersetzung: Julia Pape