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Um die im Pariser Abkommen festgelegten internationalen Klimaziele zu erreichen, stehen viele Länder vor drastischen Umstellungen. Energieerzeugung und -verbrauch werden vor diesem Hintergrund zu einer zentralen Herausforderung. Wie steht es um den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland und Norwegen?

Energiemix im Ländervergleich

Der Zugang zu Wasserkraft in Norwegen führt dazu, dass der Anteil erneuerbarer Energien bei der Strom-
erzeugung seit Jahren bei fast 100 Prozent liegt. Zahlen aus dem Jahr 2016 belegen, dass 96 Prozent der Stromerzeugung auf Wasserkraft basiert; Windenergie macht dagegen einen Anteil von zwei Prozent aus. Nach Angaben von Eurostat lag der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten norwegischen Energieverbrauch im Jahr 2016 bei 69,4 Prozent.

Der deutsche Energiemix setzt sich aus mehreren Energiequellen zusammen: 2016 waren 33,9 Prozent der Energieerzeugung in Deutschland erneuerbar, wobei der Anteil an Windenergie mit 14,2 Prozent am größten war. Zu den fossilen Brennstoffen gehören Steinkohle, Gas, Atomkraft und Braunkohle – mit 24,5 Prozent ist letztere bei weitem die größte Energiequelle. Neue Zahlen des Fraunhofer-Instituts zeigen, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung im vergangenen Jahr um 5,6 Prozentpunkte gestiegen ist und nun bei 38,5 Prozent liegt. Der gesamte erneuerbare Energieverbrauch in Deutschland lag 2016 bei 14,8 Prozent. Laut der EU-Richtlinie für Erneuerbare Energien soll er bis zum Jahr 2020 18 Prozent betragen.

Energiewende nur teilweise erfolgreich

Wie in den Zielsetzungen zur deutschen Energiewende formuliert, entwickelt sich der Ausbau von regenerativen Energiequellen seit dem Jahr 2010 mit hoher Geschwindigkeit. Dadurch steigt der Anteil erneuerbarer Energien von Jahr zu Jahr stetig an. Dieser Effekt wird jedoch dadurch geschwächt, dass die Energieversorgung aus Braunkohle ebenfalls lange gestiegen, danach stagniert oder nur minimal reduziert worden ist. Der schnelle Ausstieg aus der Kernenergie, insbesondere nach dem Unglück von Fukushima im Jahr 2011, ist einer der Hauptgründe dafür, dass Kohle noch immer einen so großen Anteil am deutschen Energiemix ausmacht.

Die zentrale Rolle der Kohle bei der Energieerzeugung hat zur Folge, dass die deutsche Energiewende vorläufig nur teilweise geglückt ist. Hinzu kommt, dass die Elektrifizierung des Transportsektors zu langsam erfolgt und immer mehr Güter auf den Straßen transportiert werden. Die Tatsache, dass die Automobilindustrie weiterhin immer größere Dieselautos produziert, ist ebenfalls ein Hindernis. „Wenn Deutschland ein glaubwürdiger Vorreiter bei Klimafragen sein will, kann das Land keinen Fuhrpark aus mit Kohle betriebenen Diesel- und Benzinfahrzeugen haben“, schreibt das norwegische Magazin Klima und Energi zu diesem Thema – ein Paradox, das auch in deutschen Medien zunehmend problematisiert wird.

Im Jahr 2010 hatte sich die Regierung unter Merkel zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 die CO2-Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu reduzieren. Heute wissen wir, dass dieses Ziel schwer zu erreichen ist, da die CO2-Emissionen nach Erkenntnissen des Fraunhofer-Instituts bisher nur um 27,3 Prozent gesenkt wurden. Das Ziel 2020 ist wohl nur der erste Schritt auf dem Weg zu den für das Jahr 2050 formulierten Klimazielen. In der neuen Regierungserklärung der Großen Koalition wurde der Anteil erneuerbarer Energie bis 2030 von 50 auf 65 Prozent nach oben korrigiert. In der Praxis bedeutet dies den Ausstieg aus der deutschen Kohleproduktion innerhalb weniger Jahre – eine Umstellung, für die die Regierung „einen Plan mit den notwendigen rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und strukturpolitischen Begleitmaßnahmen“ schaffen will.

Verstärkter Ausbau erneuerbarer Energien in beiden Ländern

In den letzten Jahren sind die Preise für Wind- und Solarenergieprojekte so stark gesunken, dass große Öl- und Energieunternehmen zunehmend in erneuerbare Energien investieren. Da es mehrere Branchen zu elektrifizieren gilt und im Zuge der Digitalisierung neue Geschäftszweige entstehen, steigt auch der Strombedarf. Heute wird in Norwegen mehr erneuerbare Energie erzeugt als in den vergangenen 25 Jahren, was das Land für ausländische Internetgiganten attraktiv macht. Google hat sich beispielsweise die gesamte Stromversorgung der kürzlich fertiggestellten
Tellenes-Windkraftanlage in der Region Rogaland für die nächsten zwölf Jahre gesichert. Fosen Vind befindet sich derzeit im Ausbau und wird Europa größtes landgestütztes Windkraftwerk mit einer Strom-
erzeugung für 170 000 Haushalte.

Nach Großbritannien ist Deutschland das Land, das im weltweiten Vergleich am meisten Windkraft produziert. Im Jahr 2016 gab es in Deutschland insgesamt 27 270 operative Windturbinen, die meisten in den nördlichen Bundesländern. Ende 2017 waren zudem 20 Offshore-Windparks mit 1 196 Windrädern entlang der Nordküste in Betrieb. Aus der deutschen Regierungserklärung geht hervor, dass die Entwicklung erneuerbarer Energien zur Deckung des Strombedarfs von umweltverschmutzenden Sektoren wie Bauwirtschaft, Verkehr und Industrie weiter unterstützt werden soll.

Saubere Energie sorgt für Herausforderungen

Windenergie ist der Kern der Energiewende, aber eine unvorhersehbare Energiequelle. Die Herausforderung besteht darin, ein effizientes und stabiles Stromnetz zu schaffen – und die Antwort liegt in einem dezen-
tralen Verteilsystem (Smart Grids). Dabei ist auch die Entwicklung von Speichertechnologien entscheidend, die in beiden Ländern vorangetrieben wird. Statoil ist dabei, ein eigenes Batteriesystem zur Speicherung der Energie aus dem weltweit ersten schwimmenden Windpark „Hywind“ zu entwickeln. Das Projekt trägt den Namen Batwind; Batterielieferant ist das deutsche Unternehmen Younicos. Lesen Sie mehr dazu im Themaartikel zu Speichertechnologien.

Während sich die globale Gemeinschaft in einem Umstellungsprozess von fossilen zu erneuerbaren Energien befindet, ist die sinkende Profitabilität der Öl- und Gasindustrie Norwegens größte Herausforderung. Die norwegische Wirtschaft muss alternative Standbeine finden, und Batteriespeichertechnologien sowie andere erneuerbare Lösungen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Hilde Bjørk, Übersetzung: Julia Pape

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