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Gastkommentar aus dem Wirtschaftsmagazin Connect 3/16, September 2016:

Von innen und von außen

Im vergangenen Jahr habe ich mich größtenteils nur mit einem Menschen beschäftigt: Angela Merkel. Ich habe ein Buch über die Kanzlerin geschrieben und während dieser Arbeit mit einer Vielzahl von Menschen über sie gesprochen, sowohl in Deutschland als auch in Norwegen. Bereits zu Beginn erhielt ich ganz unterschiedliche Reaktionen auf mein Vorhaben. In Norwegen fragten die meisten: Hast du ein Interview bekommen? In Deutschland fragten die Leute: Weshalb denn? Mein allererster Interviewpartner zu diesem Buch bemerkte außerdem: „Ich habe Frau Merkel noch nie über Skandinavien reden hören“.

Interessanterweise stellten nur wenige Deutsche die Frage nach dem „Warum?“ Bis zum Herbst und Winter letzten Jahres, was ich als Merkels Rolle im Rahmen der Flüchtlingskrise und der ganzen internationalen Diskussion interpretiere. Da wurde es auf einmal einleuchtender, warum sich ein norwegischer Journalist für ihre Kanzlerin interessiert. Für die meisten Menschen in Deutschland bestimmt Merkel (natürlich) als Politikerin den Alltag der Menschen und wird auch in erster Linie danach beurteilt. Von außen betrachtet ist Merkel eine mächtige Politikerin mit globalem Einfluss und entscheidender Bedeutung für die Entwicklung Europas.

Ich vermute, dass die meisten Leser dieses Magazins am eigenen Leib erfahren haben, dass es einen großen Unterschied macht, ob man ein Land von innen oder von außen sieht. Ebendies ist eine große Herausforderung für Korrespondenten und andere, die versuchen über Landesgrenzen hinweg zu vermitteln. Zweisprachige Leser erkennen sich oft nicht wieder in dem was vermittelt wird. Außerdem ist der „Google-Übersetzer“ mittlerweile so gut, dass Zweisprachigkeit nicht länger eine Voraussetzung ist, so wie ich es neulich selbst erleben konnte, als ich – zu Recht – von einem englischsprachigen Georgier korrigiert wurde. Manchmal ist es so, dass der Journalist etwas missverstanden hat, aber meistens dreht es sich um Unterschiede in der Perspektive – auch im Verhältnis zu dem, was wichtig und unwichtig ist. Das romantische Norwegenbild als reines Naturparadies mit Bergen, Fjorden und Wasserkraft ist zum Beispiel so grundlegend für die Deutschen, dass Informationen darüber, wie schlecht wir darin sind, unseren CO2-Ausstoss zu reduzieren, mit Ungläubigkeit und verklärtem Blick begegnet wird.

Etwas schwieriger war es für mich, den Deutschen verständlich zu machen, warum die Norweger Jens Stoltenberg bei der Wahl 2013 abgewählt hatten. Die Konjunktur war gut und weshalb wollte man eine rechtspopulistische Partei? Darüber hinaus hatten die Leute den guten Eindruck, den Jens Stoltenberg nach Utøya hinterlassen hatte, immer noch in frischer Erinnerung.

Auf gleiche Weise stehe ich nun vor der Herausforderung Norwegern zu erklären, dass Merkel trotz des Widerstandes der ihr während der Flüchtlingskrise im eigenen Land begegnet, aller Wahrscheinlichkeit auch in einer neuen Wahlperiode als Kanzlerin fortsetzen wird. Ob das zum Besten für Deutschland ist, steht auf einem anderen Blatt.

 


Angela Merkel – Et europeisk drama

In ihrem Buch „Angela Merkel – Et europeisk drama“ reflektiert Autorin Ingrid Brekke das Leben der deutschen Bundeskanzlerin und der derzeit wichtigsten Führungspersönlichkeit in Europa. Sie folgt dem Weg der Kanzlerin vom christlichen Elternhaus in einer

kommunistischen Diktatur bis zur mächtigsten Frau der Welt auf internationaler politischer Bühne. Das Buch ist Biografie und politische Analyse zugleich, in dem der Leser erfährt, wie die ersten Lebensjahre den politischen Stil der Kanzlerin geprägt haben. Und es erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem Merkel für ihren politischen Ruf kämpfen muss.

Am 20. September stellt Ingrid Brekke das Buch in den Räumlichkeiten der AHK Norwegen vor und hält einen Vortrag über Angela Merkels Politik.

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