Rønnaug Sægrov Mysterud fra Hydro med en kaffekopp. Foto

Green Deal: EUs Wachstumsstrategie

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Hydro ist Europas größter Aluminiumproduzent und ein wichtiger globaler Akteur. Wie wirkt sich der Green Deal auf das Unternehmen aus und welche Erwartungen sind mit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft verbunden? Unser Geschäftsführer Michael Kern sprach bei einem digitalen Morgenkaffee mit Rønnaug Sægrov Mysterud, Vice President und Head of EU Affairs, und Vorstandsmitglied der AHK Norwegen. Sie lebt normalerweise in Brüssel, sitzt seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie jedoch im Headquarter von Hydro in Oslo.

MK: Wie ist Hydro in Deutschland aufgestellt?

RSM: Deutschland ist das Land in Europa, in dem wir die meisten Mitarbeiter haben. Dort haben wir ein Schmelzwerk, eine große Walzmühle und mehrere Fabriken für die Aluminiumproduktion, eine fortschrittliche Sortiertechnologie für das Recycling von Aluminium sowie ein großes Forschungszentrum. Für Hydro ist Europa der größte Markt, und in Deutschland sind wir diesem Markt sehr nah.

MK: Können Sie uns mehr über das Brüsseler Büro erzählen?

RSM: Die Entscheidungen der EU sind für uns in vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Die EU hat eine Energie- und Klimapolitik entwickelt, die sich auf die Wettbewerbsfähigkeit und Möglichkeiten von Akteuren der energieintensiven Industrie, zu der wir gehören, auswirkt. Sie führt eine sehr ehrgeizige Klimapolitik, die auch die Nachfrage nach grüneren Produkten steigern soll und die gut zu unserer Branche passt. Darüber hinaus spielt die EU eine Schlüsselrolle in der globalen Handelspolitik, die für unsere Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls entscheidend ist. Mit dieser ehrgeizigen Klimapolitik ist eine Reihe zusätzlicher Kosten verbunden, die wir jedoch nicht auf unsere Produkte, die in einem globalen Markt konkurrieren, umverteilen können. Die Rolle der EU in der globalen Handelspolitik   ist also wesentlich, zusätzlich zur EU-Initiative, um die Wettbewerbsfähigkeit zu schützen.  

In der Vergangenheit war die EU in der globalen Handelspolitik weniger aktiv. Als ich 2016 nach Brüssel kam, hieß es, die EU solle ein Handelsabkommen mit China schließen, und China solle wie die EU den Preis für Kohlenstoff festsetzen – und daraus sollte eine bessere Ordnung für den Welthandel hervorgehen. Es stellte sich heraus, dass dies schwierig war. Für uns war es deshalb sehr wichtig, dass die EU eine klarere Rolle in Bezug auf China, die USA sowie andere Teile der Welt außerhalb Europas eingenommen hat.

MK: Vor kurzem hat Brüssel die Prioritäten bis 2027 festgelegt. Das wohl am meisten diskutierte Thema ist der Green Deal. Kam dieser für Sie überraschend? Oder war es abzusehen, dass Europa versuchen würde, sich bis 2050 als erster klimaneutraler Kontinent im Welthandel zu positionieren?

RSM: Es kam eigentlich wie erwartet. Bei den EU-Wahlen im letzten Jahr wurde ein Parlament gewählt, dass aus etwas komplexer war als zuvor. Die Sozialdemokraten und Konservativen hatten die Mehrheit verloren, die Liberalen und Grünen bekamen mehr Macht. Als Ursula von der Leyen ihren Masterplan vorstellte, wurde erwartetet, dass dies ein sehr ehrgeiziger Klima- und Umweltplan für Europa sein würde. Der Green Deal ist auch eine Wachstumsstrategie. Er enthält einige interessante Elemente, die berücksichtigen, dass unsere Industrie wettbewerbsfähig bleiben muss.

Die EU verursacht weniger als zehn Prozent der weltweiten Emissionen. Um die zur Emissionsreduzierung erforderlichen Investitionen tätigen zu können, muss die Industrie auch global wettbewerbsfähig sein.

Die Industrie unterliegt seit vielen Jahren Umwelt- und Emissionsvorschriften und verfügt über ein Quotensystem für Emissionen, das zwischen 40 und 50 Prozent der europäischen Emissionen im Industrie- und Energiesektor abdeckt. Der Green Deal hat sich in größerem Umfang auch mit der Frage befasst, wie die Nachfrage in eine nachhaltigere Richtung gelenkt werden kann. Das ist für uns sehr spannend.  

MK: Ja, und es eröffnet Norwegen, das sich vorwiegend auf den EU-Binnenmarkt konzentriert, wahrscheinlich auch mehr Möglichkeiten. Angesichts der Ziele und Chancen Norwegens für den grünen Wandel ist Aluminium doch eigentlich das ideale Produkt? Es wird in Norwegen mit erneuerbarer Energie produziert und kann mit wenig Energie einfach recycelt werden. Provokant gesagt: Wo liegt das Problem mit dem Green Deal für die Aluminiumindustrie?

RSM: Der grüne Wandel passt sehr gut zur Aluminiumindustrie. Wir haben das Gefühl, dass wir schon sehr lange in der Kreislaufwirtschaft leben. Das Recycling von Aluminium erfordert nur fünf Prozent der Energie, die zur Herstellung von Primäraluminium benötigt wird. 75 Prozent des gesamten produzierten Aluminiums werden noch verwendet. Aluminium verliert beim Recycling keine Eigenschaften. Die Klimapolitik fördert die Nachfrage nach Aluminium, weshalb diese recht hoch ist. Aluminium wird im Leichttransport, in effizienten Gebäuden, in Solarzellen und in Windkraftanlagen eingesetzt – es gibt also sehr viele Anwendungsbereiche für die moderne Gesellschaft. Es ist ein Metall, das eine lange Lebenszeit hat. Deshalb brauchen wir sowohl Primäraluminium als auch recyceltes Aluminium.  

Für Norwegen ist der Green Deal eine gute Entwicklung. Die nachhaltige Denkweise spiegelt sich darin wider, dass wir bereits so viel wie möglich recyceln und Produkte entwickeln, die wiederum wiederverwendbar und recycelbar sind. Wir brauchen aber auch einen angemessenen Zulauf zu diesem Kreislauf, weil die Bevölkerungszahlen steigen und wir somit mehr Material benötigen. Hier ist es vorteilhaft, Aluminium aus erneuerbaren Energien zu produzieren – so wie wir das größtenteils in Norwegen tun. Ungefähr die Hälfte des in Europa produzierten Primäraluminiums stammt aus Norwegen oder Island. Dies trägt zu einer umweltfreundlicheren europäischen Aluminiumindustrie bei und verleiht Europa einen im Vergleich zum Durchschnitt relativ geringen CO2-Fußabdruck.  

Auf China entfallen fast 60 Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion, die größtenteils auf Kohlekraft basiert. Hierbei handelt es sich um eine subventionierte Überkapazität auf dem globalen Aluminiummarkt, was für uns eine Herausforderung darstellt.   

MK: Ja, deswegen brauchen wir Brüssel, um entsprechende Handelsabkommen zu formulieren und Strategien zu entwickeln, die die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie auf globaler Ebene aufrechterhalten. Aber der Green Deal ist nicht automatisch ein guter Deal. Er erfordert eine Reihe von Vorschriften, die sicherstellen, dass europäisches Aluminium im Vergleich zu chinesischen nicht zu teuer ist, und außereuropäische Akteure zu mehr Umweltdenken anhalten kann.

RSM: Die ehrgeizigen Klimaziele werden die europäische Industrie viel Geld kosten. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass der Teil der europäischen Industrie, der dem globalen Wettbewerb ausgesetzt ist, so wie die Aluminiumindustrie,  deren Preis an der Londoner Metallbörse festlegt wird, . eine Entschädigung oder Befreiung für die Kosten, die wir durch die Produktion in Europa haben, erhält. Die EU hat gute Arbeit geleistet, um sich einen Überblick über die exponierten Branchen zu verschaffen, und verfügt über entsprechende Maßnahmen. Darüber hinaus ist es äußerst wichtig, dass die EU eine aktive Rolle spielt und die vorhandenen Handelsverteidigungsinstrumente einsetzt. Antidumping-Fälle für Aluminium sind zum Beispiel wichtig, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu schützen. Die EU kann und wird versuchen, diesem entgegenzuwirken. Die WTO-Regeln allein können den Kampf mit Industriepolitik, die in Cina legal, in Europa jedoch illegal ist, nicht aufnehmen.  

MK: Welchen Einfluss hat Deutschland in seiner Ratspräsidentschaft auf dieses Thema?

RSM: Zunächst möchte ich sagen, dass es gut war, dass Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft in der aktuellen Krise innehat. Die harten Verhandlungen, die das Land im Juli geführt und durchgesetzt hat, als sich die EU sich auf einen Siebenjahresplan und ihren Wiederaufbauplan einigen sollte, waren erstklassig. Im Herbst wird es weitere hitzige Diskussionen zu den Klimazielen geben. Die Kommission hat angekündigt, das Emissionsziel von 40 auf 50 bis 55 Prozent bis 2030 anzuheben. Dies bedeutet einen deutlich höheren CO2-Preis und strenge Anforderungen an die Emissionsreduzierung in der Industrie – diese zu erreichen wird eine große Herausforderung sein. Aber wir müssen diesen Weg gehen. Wir müssen uns mit den Klimaherausforderungen auseinandersetzen. Deshalb ist es selbstverständlich, die Ziele gemäß dem Pariser Abkommen zu verschärfen.

Ich glaube, dass Deutschland mit seiner Industriepolitik und seinem industriellen Mindset in der Lage ist, zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie beizutragen. Wenn wir nicht wettbewerbsfähig bleiben, wird noch mehr Aluminium in China produziert. Es ist nicht lange her, dass  China eine Kapazität von weit unter zehn Prozent hatte; jetzt sind es fast 60 Prozent. In China haben wir einen starken Konkurrenten auf dem Weltmarkt, und die EU muss sich damit befassen.

MK: Eine Frage aus dem Publikum: Wie kann Hydro in Zusammenarbeit mit der EU andere Länder außerhalb Europas – wie Entwicklungsländer in Afrika, Südamerika oder Asien – schneller zu einem umweltfreundlicheren Verhalten bewegen?

RSM: Ich habe gehört, dass innerhalb und außerhalb von Europa  vom sogenannten «Brussels Effect» gesprochen wird. Dies beschreibt die EU-Politik, die durch ihren Kontakt und den Handel mit dem Rest der Welt Einfluss ausübt. Die EU ist zum Beispiel die größte Organisation der Welt, in der die USA kein Mitglied sind, mit der sie jedoch verhandeln muss. Das finde ich sehr spannend, weil die EU in vielen wichtigen Bereichen eine sehr ehrgeizige Agenda hat.