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Die neue Ausgabe der Connect widmet sich dem Thema Kreislaufwirtschaft. Wir haben mit dem Innovationsdirektor von Norsk Gjenvinning, Thomas Mørch, über seine Gedanken und Ideen zur Kreislaufwirtschaft gesprochen.

Kreislaufwirtschaft ist ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung, aber nicht gänzlich neu. Welche Entwicklung sehen Sie in den letzten Jahren in der Abfall- und Recyclingbranche?

In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Norsk Gjenvinning hat schon von Kreislaufwirtschaft gesprochen, als nur wenige diesen Begriff kannten und nicht wussten, welche Chancen sich aus zirkulären Wertschöpfungsketten ergeben. Heute informieren alle großen Marktakteure über ihren Beitrag zum Übergang zur Kreislaufwirtschaft. Die meisten unserer Branchenkollegen verfolgen jedoch noch immer einen traditionellen Ansatz beim Thema Abfall. Bei Norsk Gjenvinning versuchen wir auch über den Abfall hinaus weiterzudenken und fragen uns, wie wir mit unserer Material- und Recyclingkompetenz zu optimalen Kundenlösungen und einer besseren Gesellschaft beitragen können.

Was braucht es, damit eine Kreislaufwirtschaft zur Realität wird?

Bei der Kreislaufwirtschaft müssen wir von Anfang an in Richtung Wiederverwendung und Recycling denken. Schon im Einkaufs- und Designprozess muss der Fokus darauf liegen, dass in der Produktion verwendete Materialien entweder recycelt oder recycelbar sind. Politiker müssen die Rahmenbedingungen schaffen und Incentives für Unternehmen bieten, die recycelte Materialen anstatt neuer Rohstoffe nutzen. Gleichzeitig ist ein industrieller Ansatz entscheidend. Skalierung und Innovation sind daher entscheidend für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft.

 Welche Rolle spielt Norsk Gjenvinning beim Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft?

Unsere Vision lautet: «Es gibt keinen Abfall mehr». Den Abfall, den wir erhalten, betrachten wir als Rohstoff und arbeiten sehr zielorientiert an neuen zirkulären Lösungen für alle Abfallströme. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden und Partnern, um ganzheitliche Lösungen zu schaffen, die wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig sind. Die Recyclingindustrie spielt eine wichtige Rolle bei der Wertschöpfung aus Abfall. Somit spielen wir bei der Realisierung der Kreislaufwirtschaft eine Schlüsselrolle. Darüber hinaus ist es unsere Aufgabe, Kompetenzen in neuen und branchenfremden Bereichen und nicht nur in uns vertrauten Kontexten zur Verfügung zu stellen.

 Wie können die verschiedenen Marktteilnehmer zu einem Beitrag motiviert werden?

 Der Markt ist der Schlüssel zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Die Industrie muss selbst aktiv werden und darf nicht auf Vorgaben durch die Behörden warten. Ein wichtiger Punkt ist dabei die vertikale Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Akteuren wie Forschung, NGOs oder öffentlicher Sektor entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Durch eine solche Zusammenarbeit können neue Geschäftsmodelle auf eine völlig andere Art und Weise entstehen als in traditionellen Kunden-Lieferanten-Verbindungen. Geschäftsmodelle, die im Rahmen einer Partnerschaft entstehen, spiegeln oft das wider, was wir als echte Nachhaltigkeit bezeichnen: Lösungen, die einen positiven Beitrag für die Umwelt, Gesellschaft und die Rentabilität des Unternehmens leisten. Nachhaltigkeit schafft Wettbewerbsvorteile. Durch Innovation können wir auch ohne die Hilfe des öffentlichen Sektors gute umweltfreundliche Lösungen finden.

 Wie wichtig sind politische Richtlinien in diesem Zusammenhang?

Obwohl die Industrie in der Kreislaufwirtschaft eine zentrale Rolle spielt, sind rechtliche Vorschriften für die Entwicklung nicht irrelevant. Wir können nicht mit einem veralteten Regelwerk arbeiten, wenn wir die Lösungen von Morgen schaffen; diese müssen aufeinander abgestimmt sein. Die Realität ist, dass die heutige Gesetzgebung nicht für die zukünftige Kreislaufwirtschaft gerüstet ist, aber es passiert zurzeit eine Menge – besonders in der EU und zum Glück auch in Norwegen.

Wie können Behörden eine treibende Kraft und zur Umstellung beitragen?

Behörden können ein wirksamer Motor für die Umstellung sein, wenn sie Instrumente entwickeln, die eine schnellere Veränderung herbeiführen als der Markt selbst erreichen kann. Dies kann durch die Festlegung von Kriterien beim Einkauf, zum Beispiel in Form von Mindestanforderungen für die Verwendung von recycelten Materien oder den Abfallverwertungsfaktor der Industrie, unter anderem durch öffentliche Ausschreibungen, geschehen.

Die Behörden können zudem ein internationaler Vorreiter und eine aktive Stimme in der EU sein und so zur Formulierung einer noch offensiveren Zielsetzung beitragen. Außerdem können vorgesehene Investitionen und Zuschüsse zu einer zunehmenden Innovationsbereitschaft, Technologieentwicklung und nachhaltigen Wettbewerbsfähigkeit führen.

Welche Herausforderungen gibt es in der Branche?

Die Befolgung der Regeln muss kontrolliert werden. Dass dies nicht geschieht, ist einer der größten Innovationshemmer in der Recyclingbranche. Weiterhin geht es in der Kreislaufwirtschaft potentiell um die Kannibalisierung von existierenden Geschäften – eine Branche, die von Volumen lebt soll dazu beitragen, dass Volumen zu reduzieren. Das ist eine klare Herausforderung und es besteht kein Zweifel daran, dass verschiedene Akteure diese Problematik mehr oder weniger offensiv „angreifen“.

Norsk Gjenvinning hat eine Reihe von Innovationsprojekten initiiert. Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?

Im Jahr 2013 sind wir eine Zusammenarbeit mit Glava für die Entwicklung einer industriellen Verarbeitungslinie für das Recycling von Glas im Industriegebiet Øra bei Fredrikstad eingegangen. Hier werden Glasfraktionen vorbehandelt und zerkleinert, bevor das Glas als Rohmaterial für die Herstellung von Isolationsmaterial verwendet wird. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten und die Umwelt. Die Rohstoffe von Norsk Gjenvinning entsprechen etwa einem Drittel des Glasbedarfs von Glava und ersetzen den Glasimport sowie den Verbrauch neuer Rohstoffe. Diese Lösung vermeidet die Verbrennung von als gefährlicher Abfall definierten Isolierglasscheiben im Ausland durch intelligentes Materialrecycling. In diesem Prozess wird Glas aus den Rahmen gelöst und in zerbrochener Form als Rohstoff an Glava verkauft; nur die Rahmen werden verbrannt. Daraus ergeben sich eine erhöhte Rentabilität für Norsk Gjenvinning und Glava sowie reduzierte Treibhausgasemissionen als Folge von reduziertem Transport und einem geringeren Bedarf an neuen Rohstoffen. Norsk Gjenvinning konnte durch die neu etablierte Wertschöpfungskette zudem neue Arbeitsplätze schaffen – ein gutes Praxisbeispiel für echte Nachhaltigkeit.

Welche Projekte werden in diesem Jahr initiiert oder abgeschlossen?

Gips kann unendliche Male recycelt werden. Trotzdem landen Gipsabfälle heutzutage oftmals auf Mülldeponien, wo sie Luft und Boden verschmutzen. In den letzten beiden Jahren haben wir daran gearbeitet, eine gute Lösung für genau diese Problematik zu finden, damit Gipsabfall wiederverwendet werden kann. 2018 wird unsere neue Anlage zur Herstellung von recycelten Gipspulver in Holmestrand in Betrieb genommen. Dieses Projekt wurde in Zusammenarbeit mit einem kanadischen Akteur, der seit mehr als 30 Jahren Gips recycelt, realisiert. Wir haben ein Joint Venture gegründet, das zunächst eine Kapazität für die Hälfte aller Gipsabfälle in Norwegen hat. In der Anlage wird hochwertiges recyceltes Gipspulver gewonnen und wiederum an norwegische Gipshersteller verkauft. Dieses Beispiel zeigt, warum wir uns dafür engagieren, dass recycelte Materialen mit neuen Rohstoffen konkurrieren können.

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