Europa befindet sich in einer Zeit, die von Krieg und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist. Für Norwegen – und für die deutsch-norwegischen Beziehungen – wirft dies eine Reihe herausfordernder Fragen auf: Wie soll ein so kleines Land in einer Welt navigieren, in der Großmächte wie China und die USA zunehmend die Rahmenbedingungen bestimmen? Welche Rolle spielen wirtschaftliche Kriegsführung und der Kampf um kritische Ressourcen wie seltene Erden? Und was bedeutet es für das Vertrauen zwischen Nationen, wenn Werte, Sicherheitsinteressen und wirtschaftliche Erwägungen miteinander kollidieren? Die neue Anthologie Dilemmaer i norsk utenrikspolitikk (Konflikte der norwegischen Außenpolitik) wurde im April veröffentlicht.
In diesem Interview mit uns teilt einer der Autoren, Kåre Dahl Martinsen, Professor am Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien in Oslo, seine Analysen und Einschätzungen zur Rolle Norwegens im heutigen geopolitischen Umfeld. Mit Forschungsfeldern, die von der norwegischen Chinapolitik und Erinnerungskultur bis zur politischen Steuerung militärischer Operationen reichen, liefert Martinsen Erkenntnisse, die nicht nur hochaktuell, sondern auch unbequem relevant sind.
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AHK: Wie würden Sie die wichtigsten sicherheits- und wirtschaftspolitischen Konflikte beschreiben, mit denen Norwegen im heutigen Europa konfrontiert ist?
Kåre: Das ist eine weitaus komplexere Frage, als es auf den ersten Blick scheint. Es mangelt nicht an Konflikten, und sie verschwinden auch nicht dadurch, dass die norwegische Regierung die Augen so fest verschlossen hat, wie sie nur konnte – und das über sehr lange Zeit. Der dringendste und für Norwegen wohl peinlichste ist der mangelnde Wille, die Ukraine zu unterstützen. Erst nach langer interner Kritik und erheblichem äußerem Druck hat sich die Regierung zu wirtschaftlicher und militärischer Hilfe durchgerungen. Doch der Makel lässt sich kaum wegwischen – kein anderes Land hat so sehr vom Krieg profitiert wie wir, dank explodierender Gaspreise. Während andere Länder gezwungen waren, politisch schwierige Kürzungen bei Sozialausgaben vorzunehmen, sind die norwegischen Beiträge kaum spürbar.
AHK: Gibt es noch weitere Probleme, vielleicht auch im Hinblick auf China?
Kåre: Norwegens Haltung zur chinesischen Exportpolitik und zu den sicherheitspolitischen Ambitionen Chinas in der Arktis ist ein weiterer Konflikt. Während der Rest Europas versucht, sich gegen das Dumping chinesischer Elektroautos und Solarpanels zu wehren, erklärte der ehemalige norwegische Finanzminister, dass er sich gegen Importbeschränkungen für Autos ausspreche – mit dem Argument, Norwegern sollten billige Fahrzeuge nicht vorenthalten werden. Diese mangelnde Solidarität mit der EU ist peinlich, fällt aber wohl kaum jemandem auf. Gravierender sind Chinas Ambitionen in der Arktis. Diese sind seit etwa 2010 klar erkennbar, als chinesische Unternehmen mit großzügiger staatlicher Unterstützung versuchten, sich auf Grönland im Bereich des Bergbaus niederzulassen. Dank US-amerikanischem Druck wurde dies verhindert. Doch kürzlich gab es neue Versuche chinesischer Unternehmen, sich zunächst in Narvik und später in Kirkenes niederzulassen. Dieses Mal reagierte der norwegische Premierminister und zog die Reißleine.
AHK: Was sehen Sie als Norwegens größte Herausforderung im Hinblick auf die heutigen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen Europas?
Kåre: Das ist ganz einfach: dass wir außen vor stehen. Das EWR-Abkommen ist nicht darauf ausgelegt, mit dem heutigen Europa oder einem sicherheitspolitischen Rahmen umzugehen, in dem die USA unberechenbar geworden sind. Heute ist Norwegen auf das Wohlwollen unserer nordischen Nachbarn angewiesen – für Informationen und damit auch für minimale Einflussmöglichkeiten. Es ist bemerkenswert, wie der frühere Kampf um Unabhängigkeit von Dänemark und Schweden plötzlich keinerlei Bedeutung mehr hat. Persönlich bin ich froh, dass ich zur Hälfte Däne bin – so bin ich wenigstens zur Hälfte mit dabei.
AHK: Inwieweit schränkt die aktuelle globale wirtschaftliche Unsicherheit Norwegens sicherheitspolitischen Handlungsspielraum ein?
Kåre: Er ist erheblich geschrumpft und hat sich verschlechtert. Wir stehen alleine da und sind äußerst verletzlich. Sich so eng wie möglich an die EU zu binden, ist der einzige gangbare Weg. Aber wie bereits erwähnt, bedeutet das einen Vasallenstatus, der durch politische Statements beschönigt wird, die eine gleichberechtigte Partnerschaft suggerieren. Das ist sie aber keineswegs.
Norwegen wird von Trumps Strafzöllen getroffen, hat aber nichts entgegenzusetzen. Wenn die Verhandlungen zwischen den USA und der EU scheitern und in einer festgefahrenen Krise enden, haben wir ebenfalls keinerlei Einflussmöglichkeiten. Gleiches gilt für die klare Haltung der EU gegenüber China. Von norwegischer Seite wurde auf den Diebstahl industrieller Geheimnisse durch China mit ohrenbetäubendem Schweigen reagiert. Gleichzeitig wird deutlich, dass die norwegische Wirtschaft schlecht auf chinesische Spionage vorbereitet ist. Diese richtet sich gezielt gegen die wenigen Bereiche, in denen Norwegen technologisch führend ist. Es liegt nicht in unserem Interesse, dass dieses Spezialwissen das Land verlässt – und schon gar nicht an das, was die EU 2019 höflich als „systemischen Rivalen“ bezeichnete.
AHK: Können Sie konkrete Strategien oder Maßnahmen nennen, die Norwegen priorisieren sollte, um seine Position in einer zunehmend unsicheren Welt zu stärken?
Kåre: Norwegen ist verwundbar. Die NATO ist geschwächt, und das EWR-Abkommen ist höflich gesagt ziemlich lückenhaft. Unsere einzige Strategie besteht derzeit darin, darüber zu reden. Die Weigerung, eine neue EU-Debatte in Norwegen zu führen, ist Straußenpolitik – und ein eklatantes Beispiel für fehlende politische Führung und Mut. Es ist keineswegs gesagt, dass das Ergebnis eine neue Volksabstimmung sein muss, aber es ist an der Zeit, dass die Bevölkerung erfährt, was das EWR-Abkommen nicht enthält.
Die Herausforderung besteht natürlich darin, dass es sich um schwierige Themen handelt, die die wirtschaftliche und politische Zukunft der Menschen betreffen – und egal, welche Lösung man wählt, sie wird Kosten verursachen.
Stattdessen richtet sich viel politische Aufmerksamkeit auf Konflikte, die Norwegens Sicherheit nur am Rande betreffen – aber große Möglichkeiten bieten, sich moralisch empört und damit auch makellos zu präsentieren. Das führt jedoch dazu, dass die schwierigen Konflikte von der politischen Agenda verdrängt werden. Ein gutes Beispiel ist die Erklärung des damaligen Wirtschaftsministers Vestre vor dem Parlament zur norwegischen Handelspolitik. Als er sie 2023 hielt, war es 30 Jahre her, dass sich das Parlament zuletzt mit diesem Thema befasst hatte. Ich kann versichern, dass in diesen Jahrzehnten die norwegische Friedensvermittlung weitaus häufiger diskutiert wurde. Das heißt nicht, dass sie nicht auch im Parlament behandelt werden soll, aber das Ungleichgewicht ist himmelschreiend.
AHK: Wie sollte Norwegen zwischen eigenen nationalen Interessen und europäischer Solidarität in Fragen der Sicherheit und Wirtschaft navigieren?
Kåre: Dieser Widerspruch existiert nicht. Wird Europa geschwächt, werden auch wir geschwächt.

