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Gastkommentar von 
Petter Ølberg, Norwegischer Botschafter in Deutschland

Nach einem Jahr als Botschafter in Berlin wurde mir noch bewusster, wie wichtig Deutschland für Norwegen ist – aber auch wie wichtig Norwegen für Deutschland ist. Wir leben in einer Zeit, in der die nach dem Krieg etablierten multilateralen Institutionen unter Druck stehen. Der zunehmende Protektionismus und die Untergrabung des globalen Handelssystems können das Wirtschaftswachstum gefährden und im schlimmsten Fall zu einer neuen Wirtschaftskrise führen. Norwegen und Deutschland teilen ähnliche Werte und haben ein gemeinsames Interesse an der Aufrechterhaltung einer offenen und geregelten wirtschaftlichen Weltordnung.

Deutschland ist nicht nur ein wichtiger Markt. Als größtes Land der EU und Wirtschaftsmotor in der Eurozone ist es für das EWR-Land Norwegen von großer Bedeutung. Nach dem Brexit wird der Bedarf für eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland noch größer sein. Die deutsche Wirtschaft ist für norwegische Wirtschaftsakteure ein wichtiger Partner und Türöffner – für die Zusammenarbeit mit der EU und auch für den Zugang zu globalen Märkten. Sie zeichnet sich durch eine sehr starke internationale Ausrichtung aus, und ist stark in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Als Messeland ist Deutschland zudem ein Knotenpunkt für internationale Businessnetzwerke. Aufstrebende Volkswirtschaften, darunter auch China, sehen Deutschland als Vorbild und Partner für ihren eigenen Entwicklungsprozess. Deutsche Begriffe wie Industrie 4.0 und Energiewende sind mittlerweile weltweit bekannt.

Welche Rolle spielt also Norwegen? Wir leisten bereits einen wichtigen Beitrag. Die deutsche Wirtschaft ist auf norwegische Energie angewiesen. Deutschland wird im Jahr 2022 seine Atomkraftwerke schließen und einen Zeitplan für den Ausstieg aus der Kohlekraft festlegen. Für die Gewährleistung einer kostengünstigen und effektiven Energieversorgung der deutschen Industrie und Haushalte wird norwegisches Gas dann besonders wichtig. Zudem kann Gas dazu beitragen, dass Deutschland und die EU ihre Klimaziele erreichen. Nicht zuletzt ist Norwegen in anderen für Deutschland bedeutsamen Wirtschaftszweigen ein Vorreiter: maritime Industri, GreenTech und Digitalisierung!

Maritime Industrie

Das Meer war schon immer das Grundgerüst des norwegischen Wohlstands. Im Laufe der Zeit haben die Norweger diese Ressourcen auf immer neuere Weise genutzt, sei es durch Fischerei, Schifffahrt, Öl- und Gasproduktion oder Aquakultur. Die bestmögliche Ausschöpfung der Meeresressourcen war nicht nur die treibende Kraft für Innovation und Technologie, sondern auch für die Entwicklung nachhaltiger Managementsysteme. Norwegische Kompetenz ist in Deutschland gefragt, unter anderem bei der Gewinnung von Meeresbodenressourcen. Deutschland benötigt als Industrieland norwegische Subsea-Technologie und nachhaltige Bewirtschaftungstraditionen zur Entwicklung von Mineralvorkommen auf dem Meeresgrund sowie neuer Offshore-Windenergie.

Energiewende

Das Pariser Abkommen betrifft uns als Öl- und Gasnation stark. Norwegen muss in erster Linie die Emissionen aus der Erdölförderung reduzieren und den Umstellungsprozess zur dekarbonisierten Gesellschaft einleiten. Die grüne Wende ist daher ein zentraler Punkt der Regierungsarbeit. Die neue Webseite
theexplorer.com soll norwegischen grünen Technologien zum Einstieg in den Weltmarkt verhelfen. Besonders freuen wir uns darüber, dass Norwegen im nächsten Jahr Partnerland der GreenTec Awards in Berlin sein wird, da es in diesem Bereich große Anerkennung von deutscher Seite genießt.

Digitalisierung

Die Digitalisierung ist in Norwegen in vielen Bereichen weiter fortgeschritten als in Deutschland. Wir verfügen über ein landesweites Breitbandnetz sowie gut entwickelte digitale Dienste im öffentlichen Sektor und in der Wirtschaft. Darüber hinaus haben wir umfassende und hochqualitative öffentliche Register. In einer Zeit, in der Big Data das neue Öl ist, ist dies ein großer Wettbewerbsvorteil für Norwegen.

Dies sind lediglich drei von vielen verschiedenen Möglichkeiten für eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit. Zusätzlich hat ein neues Abkommen für U-Boote und Meeresraketen zwischen unseren Regierungen eine weitere bedeutende industrielle Zusammenarbeit eröffnet, die unsere bilateralen Beziehungen in den kommenden zehn Jahren prägen wird. Norwegen und Deutschland befinden sich somit in vielerlei Hinsicht in einer Schicksalsgemeinschaft – außenpolitisch, sicherheitspolitisch sowie wirtschaftlich. Die Verantwortung für diese Kooperationen liegt bei uns, den Botschaften in Berlin und Oslo, der AHK Norwegen und Innovation Norway, und bei allen Wirtschaftsakteuren, die in beiden Ländern tätig sind.

Übersetzung: Ava Moll