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Der Norden als Impulsgeber: Bayerns Nordische Parlamentariergruppe

Anfang November wurde im Bayrischen Landtag eine Nordische Parlamentariergruppe gegründet, mit dem Ziel den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Bayern und den nordischen Ländern weiter zu stärken. Ulrike Müller, Mitglied des Landtages übernimmt den Vorsitz. In diesem Interview erläutert sie die Motivation der Gruppe, ihre Aufgaben und Ziele.

Frau Müller, was war der konkrete Auslöser dafür, im Bayerischen Landtag eine nordische Parlamentariergruppe zu gründen? Gab es ein bestimmtes Ereignis oder eine Lücke, die geschlossen werden sollte?

Der Impuls kam aus einem sehr praktischen Bedürfnis. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder gesehen, wie viele konstruktive Impulse aus den nordischen Ländern kommen – ob in Bildung, Digitalisierung, gesellschaftlicher Teilhabe oder im Verwaltungsaufbau. Gleichzeitig gab es im Landtag kein strukturiertes Forum, um diesen Austausch gezielt zu pflegen.

Die Parlamentariergruppe schließt genau diese Lücke. Sie schafft einen Raum, in dem wir Erfahrungen bündeln, Expertinnen und Experten hören, Delegationen treffen und Ideen schneller in die politische Arbeit zurückspiegeln können. Es war kein einzelnes Ereignis, sondern die Summe vieler Gespräche, Reisen und Beobachtungen, die gezeigt haben: Der Norden denkt oft sehr pragmatisch und mutig – davon können wir profitieren.

Viele wissen gar nicht, wie solche parlamentarischen Gruppen arbeiten. Wer ist eingebunden, was kann eine solche Gruppe – und wo liegen ihre Grenzen?

Eine parlamentarische Gruppe ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Abgeordneten, die sich für eine bestimmte Region oder ein bestimmtes Thema engagieren wollen. Niemand wird entsandt – alle kommen aus Überzeugung. Bei uns arbeiten Kolleginnen und Kollegen aus allen demokratischen Fraktionen zusammen, die den Austausch mit den nordischen Ländern aktiv voranbringen möchten.

Unsere Aufgabe ist es, Wissen hereinzuholen, Perspektiven aufzunehmen und Impulse zu geben: durch Fachgespräche, Delegationsbesuche, Expertenrunden oder thematische Schwerpunkte.

Was wir nicht tun: Wir treffen keine bindenden Entscheidungen und greifen nicht in die Ausschussarbeit ein.

Wie gelingt es in Zeiten wachsender Polarisierung, parteiübergreifend an einem gemeinsamen nordischen Projekt zu arbeiten?

Der Austausch über die nordischen Länder schafft einen Raum, der sofort verbindet. Wenn wir über finnische Bildungserfolge, dänische Gesundheitsinnovationen oder schwedische Digitalstrategien sprechen, dann geht es um Lösungen, nicht um Parteipositionen. Diese sachliche Ebene erleichtert die Zusammenarbeit enorm.

Gab es kritische Stimmen?

Kritische Stimmen gab es vereinzelt – meist aus der Frage heraus, welchen Mehrwert die Gruppe haben kann. Sobald deutlich wurde, dass wir ein praxisorientiertes Forum schaffen und konkrete Impulse für Bayern sammeln wollen, war die Unterstützung breit. Heute spürt man: Das Thema Norden verbindet mehr, als es trennt.

Bayern und die nordischen Länder scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Warum passen sie Ihrer Meinung nach dennoch strategisch so gut zusammen?

Tatsächlich ergänzen wir uns hervorragend. Bayern bringt wirtschaftliche Stärke, Hightech und starke regionale Identität ein. Die nordischen Länder wiederum prägen Offenheit, Klarheit und ein sehr pragmatisches Politikverständnis. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir voneinander lernen können, ohne in Konkurrenz zu treten.

Wir teilen zudem ein ähnliches Grundverständnis davon, wie Staat und Gesellschaft funktionieren sollen: verlässlich, innovationsfreudig und getragen von Vertrauen. Das macht die Zusammenarbeit leicht – und oft überraschend inspirierend.

Gerade die Kombination aus gemeinsamer Wertebasis und unterschiedlichen Lösungswegen macht uns zu natürlichen Partnern: Bayern bringt Kraft, der Norden bringt neue Perspektiven. Das passt strategisch sehr gut zusammen.

Welche Rolle spielt Norwegen speziell für Bayern?

Norwegen ist ein strategischer Partner mit einem besonderen Blick auf Europa und den arktischen Raum. Durch die Lage, die sicherheitspolitische Einbindung, den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen sowie die Werte und politische Stabilität bietet das Land Perspektiven, die für Bayern zunehmend wichtig werden – gerade in Zeiten globaler Unsicherheit.

Welche Ziele haben Sie für die ersten zwei Jahre?

Unser nächster Schritt ist die gemeinsame Erarbeitung eines Arbeitsprogramms, in dem wir unsere Schwerpunkte festlegen. Mir ist wichtig, dass wir klare, nachvollziehbare Ziele definieren – etwa in Form von Delegationsreisen, Expertenformaten oder thematischen Prioritäten. Dabei sind Transparenz und Beteiligung für uns keine Nebensache, sondern Teil des Konzepts. Wir wollen die Türen weit öffnen – für Unternehmen, Verbände, Medien und die interessierte Öffentlichkeit. Geplant sind Formate, die echten Austausch ermöglichen

Wie stellen Sie sicher, dass die Gruppe nicht nur symbolisch bleibt?

Eines kann ich schon jetzt sagen: Mir geht es nicht um symbolische Politik. Ich übernehme nur Verantwortung, wenn ich sie mit Inhalt fülle. Und das gilt auch für alle Kolleginnen und Kollegen in der Gruppe. Wir wollen Wirkung entfalten – nicht Kulisse sein.

Darum wird die Gruppe ein Arbeitsraum, nicht ein Schaufenster: Wir organisieren Austausch, holen Expertise herein und übersetzen sie in Impulse für die parlamentarische Arbeit.

Die nordischen Länder gelten in vielen Bereichen als Vorreiter – Digitalisierung, Energiepolitik, Gleichstellung. Gibt es Bereiche, in denen Bayern bewusst von ihnen lernen will?

Ja, sehr viele. Ich sehe die nordischen Länder ein bisschen wie ein gut beleuchtetes Labor Europas. Viele Entwicklungen, die uns beschäftigen, werden dort früher ausprobiert: digitale Verwaltung, Telemedizin, Energieeffizienz, moderne Arbeitsmodelle, Geschlechtergerechtigkeit.

Wir wollen nicht kopieren, sondern übertragen. Bayern bringt enorme eigene Stärken mit – wirtschaftlich, technologisch und strukturell. Der Austausch funktioniert deshalb auf Augenhöhe: Der Norden liefert oft erste Prototypen, wir prüfen, was davon in unseren Kontext passt und wie wir es gemeinsam weiterentwickeln können.

So entsteht ein gegenseitiges Lernen, das beiden Seiten nützt.

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