Space Law in der Praxis: Dual-Use-Potenziale in einer neuen geopolitischen Ära

Space Law in der Praxis: Die Raumfahrt ist längst kein Nischensektor mehr, der ausschließlich staatlichen Raumfahrtagenturen und Astronauten vorbehalten ist. Satelliten sind heute ein unverzichtbarer Bestandteil unserer modernen Gesellschaft. Sie ermöglichen Navigation, Telekommunikation, Energieversorgung, maritime Dienstleistungen und sicherheitsrelevante Anwendungen. Während Europa seine Resilienz und strategische Autonomie stärken möchte, werden Weltraumtechnologien zunehmend sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus sicherheitspolitischer Perspektive betrachtet.

Diese Entwicklung eröffnet Unternehmen neue Chancen, wirft aber zugleich komplexe rechtliche Fragen auf. Dual-Use-Technologien, Exportkontrollen, Cybersicherheitsanforderungen, Vergaberecht und der geplante EU Space Act verändern das regulatorische Umfeld für Akteure der Raumfahrtwirtschaft grundlegend.

Im Anschluss an unser Webinar „Space Law in Practice: Navigating Dual-Use Opportunities in a New Geopolitical Era“, das wir gemeinsam mit unserem Legal Member CMS Kluge veranstaltet haben, sprachen wir mit Alf Amund Gulsvik, einem der führenden Vergaberechtsexperten Norwegens, sowie mit Jens Neitzel, einem deutschen Rechtsanwalt mit Schwerpunkt auf Exportkontrolle, Compliance und regulierte Industrien. Im Interview teilen sie ihre Einschätzungen zu den rechtlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die Europas Raumfahrtsektor prägen.

Der Weltraum wird zunehmend als kritische Infrastruktur betrachtet. Wie verändert dies die rechtlichen und regulatorischen Anforderungen an Unternehmen der Branche?

Jens Neitzel: Der Fokus hat sich von der bloßen Förderung von Innovation hin zur Gewährleistung von Resilienz und Versorgungssicherheit verlagert. Da immer mehr Bereiche wie Energieversorgung, Finanzwesen, Navigation und Verteidigung von weltraumgestützten Diensten abhängen, erhöhen Regulierungsbehörden die Anforderungen an Cybersicherheit, Risikomanagement und betriebliche Widerstandsfähigkeit. Das Weltraumrecht verzahnt sich zunehmend mit Vorschriften für kritische Infrastruktur.

Alf Amund Gulsvik: Gleichzeitig beobachten wir, dass Staaten ihre Rolle als Auftraggeber strategischer wahrnehmen. Öffentliche Stellen beschaffen nicht mehr nur einzelne Dienstleistungen, sondern Fähigkeiten, die für die nationale Sicherheit und Widerstandsfähigkeit essenziell sind. Unternehmen müssen daher strengere Anforderungen hinsichtlich Sicherheitsfreigaben, Eigentümerstrukturen und langfristiger Zuverlässigkeit erfüllen.

Dual-Use-Technologien stehen im Zentrum der heutigen Raumfahrtwirtschaft. Welche rechtlichen Risiken werden häufig unterschätzt, wenn kommerzielle und sicherheitspolitische Interessen aufeinandertreffen?

Jens Neitzel: Viele Unternehmen unterschätzen, wie schnell eine kommerzielle Technologie unter Exportkontrollvorschriften oder andere Beschränkungen fallen kann, wenn sich ihre Fähigkeiten oder Einsatzmöglichkeiten weiterentwickeln. Internationale Teams, grenzüberschreitende Kooperationen und der Austausch technischer Daten können erhebliche Compliance-Risiken mit sich bringen.

Alf Amund Gulsvik: Aus vergaberechtlicher Sicht wird häufig übersehen, dass Dual-Use-Technologien zusätzliche Sicherheitsanforderungen in öffentlichen Ausschreibungen auslösen können. Unternehmen sollten frühzeitig verstehen, wie Aspekte der nationalen Sicherheit den Marktzugang, Eigentumsanforderungen und die Teilnahmeberechtigung an Vergabeverfahren beeinflussen können.

Deutschland und Norwegen bauen ihre strategischen Fähigkeiten im Weltraum aus. Wo sehen Sie die größten Chancen für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit?

Alf Amund Gulsvik: Deutschland und Norwegen verfügen über sehr komplementäre Stärken. Norwegen bietet mit dem Andøya Spaceport strategisch wichtige Infrastruktur und umfassende Erfahrung im arktischen Raum, während Deutschland über starke industrielle Kompetenzen und fortschrittliche Satellitentechnologien verfügt.

Besonders vielversprechend sind gemeinsame Initiativen in den Bereichen arktische Erdbeobachtung, maritime Überwachung und sichere Satellitenkommunikation. Hier treffen wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen zusammen, und eine enge Zusammenarbeit kann Europas strategische Autonomie stärken.

Jens Neitzel: Viele dieser Projekte erfordern zugleich den Umgang mit unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen. Effiziente grenzüberschreitende Strukturen zu schaffen, wird daher selbst zu einem Wettbewerbsvorteil.

Der geplante EU Space Act soll einen harmonisierten Rechtsrahmen für Raumfahrtaktivitäten schaffen. Welche Auswirkungen könnte dies auf Unternehmen haben und worauf sollten sie sich bereits heute vorbereiten?

Jens Neitzel: Der EU Space Act könnte grenzüberschreitende Aktivitäten erheblich vereinfachen, indem er einen stärker harmonisierten Rechtsrahmen schafft. Gleichzeitig dürfte er die Anforderungen in den Bereichen Cybersicherheit, Nachhaltigkeit und Space Traffic Management erhöhen.

Alf Amund Gulsvik: Eine stärkere Harmonisierung würde auch Vergabeverfahren erleichtern. Behörden und Unternehmen könnten innerhalb eines vorhersehbareren Rahmens agieren, was die Entwicklung multinationaler Projekte und Partnerschaften in Europa vereinfacht.

Welche konkreten Compliance-Maßnahmen sollten Raumfahrtunternehmen umsetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig regulatorische Anforderungen zu erfüllen?

Jens Neitzel: Compliance sollte nicht als Belastung, sondern als Grundlage für erfolgreiches internationales Geschäft betrachtet werden. Effektive Screening-Prozesse, interne Compliance-Programme und ein sicherer Umgang mit technischen Daten sind unerlässlich. Unternehmen, die diese Strukturen frühzeitig aufbauen, sind häufig besser auf internationale Expansion vorbereitet.

Cybersicherheit ist zu einem zentralen Thema für Satellitenbetreiber und andere weltraumgestützte Dienste geworden. Welche Entwicklungen sollten Unternehmen besonders im Blick behalten?

Jens Neitzel: In ganz Europa sehen wir strengere Anforderungen an die Cybersicherheit, darunter Meldepflichten sowie eine stärkere Verantwortung des Managements. Zudem könnten Hersteller künftig stärker für Schwachstellen in Software- und Hardwarekomponenten haftbar gemacht werden, die in Raumfahrtsystemen eingesetzt werden.

Alf Amund Gulsvik: Cybersicherheit entwickelt sich zunehmend von einem Wettbewerbsvorteil zu einer Grundvoraussetzung in Vergabeverfahren. Unternehmen, die sich um öffentliche Aufträge bewerben, müssen robuste Sicherheitsmaßnahmen und Resilienz über die gesamte Lieferkette hinweg nachweisen können.

Öffentliche Beschaffung spielt eine wichtige Rolle beim Aufbau strategischer Raumfahrtkapazitäten. Wie können Unternehmen Vergabeverfahren erfolgreich meistern und gleichzeitig Sicherheits- und Souveränitätsanforderungen erfüllen?

Alf Amund Gulsvik: Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg. Sicherheitsfreigaben, Anforderungen an die lokale Präsenz und Regelungen zum geistigen Eigentum entscheiden oft darüber, ob ein Unternehmen erfolgreich an einer Ausschreibung teilnehmen kann.

Besonders wichtig ist die Balance zwischen den Nutzungsrechten des Staates und der Möglichkeit des Unternehmens, Technologien international zu vermarkten. Wer diese Fragen frühzeitig adressiert, verschafft sich einen entscheidenden Vorteil.

Wie können Unternehmen den Wunsch nach internationaler Zusammenarbeit und Datenaustausch mit wachsenden Anforderungen an nationale Sicherheit, strategische Autonomie und den Schutz sensibler Technologien in Einklang bringen?

Jens Neitzel: Technische Schutzmaßnahmen wie sichere Cloud-Umgebungen, kontrollierte Datenzugriffe und Verschlüsselung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ebenso wichtig sind klare vertragliche Regelungen für Datenaustausch und Technologietransfers.

Alf Amund Gulsvik: Internationale Zusammenarbeit bleibt entscheidend für Innovation. Die Herausforderung besteht darin, Governance-Strukturen zu schaffen, die Kooperation ermöglichen und gleichzeitig nationale Sicherheitsinteressen sowie sensible Technologien schützen.

Welche Entwicklung wird Ihrer Meinung nach in den kommenden fünf Jahren den größten Einfluss auf den europäischen Raumfahrtsektor haben?

Jens Neitzel: Die Umsetzung des EU Space Act, insbesondere verpflichtende Regelungen für das Space Traffic Management, wird einen tiefgreifenden Wandel auslösen. Unternehmen, die Nachhaltigkeit und Compliance frühzeitig in ihre Technologien integrieren, werden klare Vorteile haben.

Alf Amund Gulsvik: Gleichzeitig werden Staaten eine deutlich aktivere Rolle als Kunden und Partner der Raumfahrtwirtschaft einnehmen. Öffentliche Beschaffung, strategische Investitionen und Anforderungen an souveräne Fähigkeiten werden die Entwicklung des europäischen Raumfahrtsektors zunehmend prägen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch. Können Sie Ihre Sichtweisen in einem abschließenden Statement zusammenfassen?

Alf Amund Gulsvik: Die Zukunft des europäischen Raumfahrtsektors wird auf Zusammenarbeit basieren. Deutschland und Norwegen haben eine einzigartige Möglichkeit, ihre Stärken zu bündeln und zu einem widerstandsfähigeren und wettbewerbsfähigeren europäischen Raumfahrtökosystem beizutragen.

Jens Neitzel: Unternehmen, die Compliance, Cybersicherheit und Resilienz nicht als regulatorische Pflicht, sondern als strategische Erfolgsfaktoren betrachten, werden in dieser neuen Ära am besten positioniert sein.