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In diesem Jahr trägt Oslo den Titel der Grünen Hauptstadt Europas. Um alle Aktivitäten zu planen und zu koordinieren, hat das Stadtratbüro ein eigenes Sekretariat eingerichtet. Anita Lindahl Trosdahl ist Projektleiterin für die Umwelthauptstadt und leitet das Sekretariat.

Oslo hat sich bereits im Jahr 2014 um den Titel der Umwelthauptstadt beworben. Damals hat es nicht ganz gereicht. Was war Ihrer Meinung nach diesmal anders?

Anita Lindahl Trosdahl: Natürlich hat es etwas zu sagen, wie die Konkurrenz aussieht, und welche Städte kürzlich den Titel erhalten haben. Gleichzeitig waren die Ergebnisse von Oslo dieses Mal noch viel deutlicher: In acht von zwölf Kategorien erzielten wir unter den Bewerbern den besten Wert, und in zwei weiteren Kategorien lagen wir auf dem zweiten Platz. Wir waren in der fachlichen Beurteilung also noch stärker. Außerdem haben wir einen Stadtrat, der sehr klare Ambitionen im Umweltbereich hat, und im europäischen Kontext hart und progressiv vorangeht. Dass wir dieses Mal an der Spitze gelandet sind, liegt meiner Meinung nach an einer Kombination der Ergebnisse, die wir vorweisen konnten, und darüber hinaus an dem politischen Antrieb unseres Stadtrates bei der finalen Präsentation.

Gibt es Themen, für die Oslo im internationalen Kontext ein besonders großes Interesse erfährt?

Im Allgemeinen stehen Elektrofahrzeuge und unser Mobilitätskonzept international gesehen häufig im Fokus. 70 Prozent der Einwohner in Oslo nutzen Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel oder sind zu Fuß unterwegs, das sind sehr viele. Es ist beinahe so, dass uns andere Länder nicht glauben wollen, wenn wir ihnen den Anteil der Neuzulassungen für Elektroautos nennen. Dabei ist nicht der Verkauf von Elektrofahrzeugen ausschlaggebend, sondern das ganze Paket. Ein Auto mit einem anderen auszutauschen, ist nicht die Lösung des Problems, sondern nur Teil einer Übergangsphase.

Es besteht auch eine große Neugier an unserer Arbeitsweise und dem Weg, den Oslo mit einem eigenen Klimabudget eingeschlagen hat. Weitere Themen, die Interesse wecken, sind Abfallwirtschaft, Kreislaufwirtschaft und dass die grünen Bioabfall-Tüten tatsächlich zum Treibstoff für städtische Busse und Müllwagen werden sowie die Arbeit zur Fluss- und Beckenöffnung.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Elektroautos zu sehr im Fokus stehen? Im Ausland bringt man Oslo vor allem mit diesem Thema in Verbindung, dabei hat Oslo doch noch viel mehr zu bieten.

Elektroautos können ein guter Einstieg in das Thema sein: Es kann zum Beispiel in Deutschland für Aufmerksamkeit sorgen, weil das Land eine Autonation ist und so können wir nach und nach auf weitere Aspekte in Oslo verweisen: Landstrom, Elektrizität im öffentlichen Verkehr, fossilfreies Bauen, bei dem Elektrizität eine wichtige Rolle spielt – die Elektrizitätsgeschichte kann über das Auto hinaus erzählt werden, und die Umweltgeschichte kann auch auf das Ressourcen- und Naturmanagement ausgedehnt werden. Für uns ist es positiv, dass wir etwas so Interessantes bieten können. Wie wir dieses Interesse dann nutzen, um die anderen Geschichten zu erzählen, liegt an uns.

Der Titel als europäische Umwelthauptstadt wird seit 2010 vergeben. Mittlerweile hat eine Reihe von Städten diese Auszeichnung erhalten. Haben Sie sich damit beschäftigt, was andere Städte umgesetzt haben, und von diesen Erfahrungen gelernt?

Auf jeden Fall. Wir haben uns unter anderem die Erfolgsfaktoren verschiedener Projekte angeschaut. Ein wichtiger Faktor ist zum Beispiel, die Einwohner der gesamten Stadt für das Projekt zu mobilisieren. Deswegen haben wir ein eigenes Nachbarschaftsprogramm aufgesetzt. Ein weiterer Erfolgsfaktor waren Partnerschaften: Wo gute Geschäftspartnerschaften entstanden, setzte sich die Zusammenarbeit zur Erreichung der Klimaziele auch nach dem Jahr als Umwelthauptstadt fort. Kopenhagen hat zum Beispiel den Export von Umwelttechnologien über eine Plattform, die nach dem Jahr weiter ausgebaut wurde, stark gefördert. Bristol hat ein Geschäftsnetzwerk etabliert, das bis heute besteht.

Europäische Umwelthauptstadt – eine Auszeichnung und ein Aktionsjahr. Was ist wichtiger für Oslo?

Es ist wichtig, dass wir mit dem Preis eine Anerkennung erhalten haben, auf die wir stolz sein können. Aber wir sollten auch smart sein und damit in Oslo Ergebnisse erzielen. Deshalb denke ich, dass es für uns am wichtigsten ist, eine Plattform zu schaffen, über die wir Wissen verbreiten, inspirieren, sowie die Bevölkerung und die Wirtschaft engagieren können. Obwohl wir ausgezeichnet wurden, sind wir noch nicht am Ziel. Wir werden uns noch stärker für Klima und Umwelt einsetzen, weil die Zeit knapp ist und wir eine rasche Umstellung brauchen. Unser Ziel muss es sein, Verständnis zu schaffen sowie Menschen und Wirtschaftsakteuren zu vermitteln, wie sie dazu beitragen können.

Wenn wir dieses Jahr nutzen können, um Wirtschaftszweige von Oslo vorzustellen, die mit gutem Beispiel vorangehen, und alle zu noch mehr Einsatz motivieren können, unter anderem durch die Einführung von Elektrofahrzeugen beim Warentransport, den umweltfreundlicheren Betrieb von Anlagen oder den Fokus auf klimafreundliche Innova-
tionen, dann sind wir zufrieden.

Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Bevölkerung und Wirtschaft an einem solchen Projekt beteiligen. Wie bewerten Sie das Interesse, haben Sie das Gefühl, dass Oslo mitmacht?

Ja, auf jeden Fall! Wir hatten eine öffentliche Ausschreibung, um das nächste Jahr mit Inhalten zu füllen, und derzeit haben wir 165 verschiedene Partner mit einer oder mehreren Aktivitäten im Programm. Wir haben mehr als 350 Programmpunkte mit Unternehmen, Organisationen, Museen, Kirchen und Sportverbänden geplant, und sind recht breit aufgestellt. Diese Veranstaltungen werden der Anstoß für die weitere Arbeit an der Erreichung unserer Ziele sein.

Viele Akteure fühlen sich auch zu einem stärkeren Engagement ermutigt: OBOS hat im Rahmen des Umwelthauptstadtjahres ein Plushauskonzept für einen Wohnkomplex gelauncht. Es wird das erste Wohngebäude im Energie-Plus-Haus-Standard sein. Posten und Bring streben die Anschaffung weiterer elektrischer Lieferwagen an. Andere Unternehmen haben uns darüber informiert, dass sie nächstes Jahr einen Plan für die Elektrifizierung des gesamten Warenlieferverkehrs erarbeiten wollen. Das zeigt, dass ein solches Aktionsjahr tatsächlich dazu beitragen kann, den grünen Wandel zu beschleunigen.

Sie haben so intensiv mit diesem Thema gearbeitet, dass Sie sicherlich hohe Erwartungen an das nächste Jahr haben?

Ich hoffe, dass wir die Bevölkerung dazu bringen können, ihre Entscheidungen noch einmal zu reflektieren. Wenn Sie ein neues Auto kaufen, hoffe ich, dass Sie tatsächlich noch einmal alle Aspekte überdenken. Auch wenn wir nicht immer die richtige Entscheidung treffen, wünsche ich mir auf jeden Fall die richtige Denkweise: Was ist gut für die Umwelt? Soll ich wirklich ein neues Auto kaufen oder kann ich zukünftig Carsharing-Angebote nutzen? Wenn es uns gelingt, dieses Bewusstsein in der Bevölkerung und Wirtschaft zu verankern, haben wir einen guten Job gemacht.

Was fordern Sie von der Wirtschaft?

Mit den eigenen Geschäftstätigkeiten ein Exempel zu statuieren – das ist der wichtigste Beitrag, den die Wirtschaft leisten kann. Wir brauchen aber auch Innovationen und neue Technologien, die uns Lösungen bieten, die uns in Zukunft helfen, und lokale, grüne Arbeitsplätze schaffen. Wir brauchen ein Innovationsumfeld, um die Herausforderungen unserer Städte zu betrachten und neue Lösungsansätze zu finden. Ich denke, dass deutsche und norwegische Milieus von einer Zusammenarbeit auf diesem Gebiet profitieren können. Die meisten Städte befinden sich im Wachstum. Wenn es uns gelingt, diese Lösungen zu entwickeln, eröffnet sich ein großer internationaler Markt.

Interview: Trine Jess
Übersetzung: Julia Pape