Vom Diesel zum Kabel – Elektrobagger übernehmen auf Baustellen

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Am 3. Juni fand auf der Baustelle für ein neues Pflegeheim in der norwegischen Gemeinde Gjøvik die Taufe des Raupenbaggers Eldar statt. Das Besondere an dieser 38-Tonnen-Maschine? Eldar ist elektrisch und damit die weltweit erste Maschine dieser Art, die auf einer Baustelle in Betrieb genommen wurde. Verglichen mit Gjøvik geht Oslo derzeit noch einen Schritt weiter – Anfang September startete die Stadt das Pilotprojekt für die weltweit erste emissionsfreie Baustelle.

Bei der Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens, die das Land dazu verpflichten, die Emissionen bis zum Jahr 2030 verglichen mit 1990 um 40 Prozent zu senken, ist Norwegen in Verzug. Gleichwohl gilt Norwegen im Hinblick auf ambitiöse Klimamaßnahmen und -ziele als Vorreiter – so sollen im Jahr 2025 nur noch Elektro- oder Wasserstofffahrzeuge verkauft werden, Stadtbusse sollen auf emissionsfreie Technologien umgestellt sein. Für Treibhausgasemissionen gilt die gute alte Redensart „Kleinvieh macht auch Mist“ in ganz besonderem Maße. Um in Norwegen die Klimaziele annähernd zu erreichen, sind Maßnahmen in mehreren fossilintensiven Bereichen erforderlich. Das stellt nicht nur Anforderungen an den Staat, sondern auch an die Gemeinden des Landes.

Von fossilfrei zu emissionsfrei

Laut Sintef und NHO ist die norwegische Hoch- und Tiefbaubranche für etwa 1,2 Prozent der Gesamtemissionen des Landes verantwortlich. 95 Prozent dieses Anteils stammen aus Transporten und dem Betrieb von Maschinen. Um die Emissionen zu senken, müssen vor allem die Bauherren fossil- und emissionsfreie Baumaschinen, Baumaterialien und Heiztechnologien zur Voraussetzung machen. Die größten Bauherren in Norwegen sind nicht selten kommunale Unternehmen. Hier geht Oslo mit gutem Beispiel voran. Um durch Bautätigkeiten verursachte Emissionen zu senken, hat die Kommune im Jahr 2017 eine neue Beschaffungsstrategie verabschiedet, die festlegt: „Fahrzeuge und Baumaschinen (Hoch- und Tiefbau), die im Rahmen der Ausführung von Arbeiten für die Kommune Oslo verwendet werden, müssen grundsätzlich mit emissionsfreier Technologie ausgestattet sein“ – dies läuft im Allgemeinen unter dem Begriff „die fossilfreie Baustelle“.

„Auch wenn sich die Nachfrage nach emissionsfreien Baumaschinen bisher in Grenzen hält, erwarten wir infolge des aktiven Vorstoßes der norwegischen Behörden vor allem in Norwegen, aber auch im restlichen Nordeuropa, künftig eine Zunahme.“

Nils Olav Haukaas, Beauftragter für Sicherheits- und Gesundheitsschutz, Nasta AS

Wenn Unternehmen und Zulieferer in der Gemeinde Oslo Ausschreibungen gewinnen möchten, müssen sie sich dementsprechend auf fossil- und emissionsfreie Lösungen konzentrieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass es optimale Beihilfesysteme gibt, damit Hersteller und Lieferanten die von der Gemeinde verlangte emissionsfreie Technologie bereitstellen können.

PILOT-E ist ein solches Beihilfesystem, das von Innovation Norway, dem norwegischen Forschungsrat und Enova, dem Unternehmen der öffentlichen Hand, das sich für die Umstellung Norwegens auf eine Niedrigemissionsgesellschaft einsetzt, eingerichtet wurde. Das System zielt auf die raschere Entwicklung und Nutzung umweltfreundlicher Energietechnologie ab, um sowohl in Norwegen als auch international zu einer Senkung der Emissionen beizutragen.

Oslo geht nun nächsten Schritt: Nicht mehr nur fossilfreie Baustellen – dass heißt, Baumaschinen, die mit Strom, Wasserstoff oder Biodiesel betrieben werden, – sondern emissionsfreie Baustellen, wo alle auf der Baustelle eingesetzten Maschinen emissionsfrei sein müssen, werden zur Bedingung gemacht. Landesweit, vermutlich aber auch weltweit, war Gjøvik die erste Gemeinde, die einen 38-Tonnen-Elektrobagger für ein Bauprojekt eingesetzt hat.

Umweltfreundlich und billig

„Der Versuch mit dem Elektrobagger wurde dadurch möglich, dass die Gemeinde Mittel für Klimamaßnahmen zur innovativen Erprobung von Alternativen für den Betrieb einer Baustelle erhalten hatte“, erklärt die Gemeinde Gjøvik. Die Mittel für Klimamaßnahmen werden vom Umweltministerium verwaltet. Sie sind eine von mehreren staatlichen Beihilfesystemen für die Entwicklung von Technologien und Lösungen, die Treibhausgase reduzieren. Neben dem Bagger kommen beim Pflegeheim in Gjøvik mehrere umweltfreundliche und treibhausgassparende Maßnahmen zum Tragen, darunter der Einsatz von Holzmaterialien und Beton mit niedrigem CO2-Anfall sowie ein Heizsystem, das auf erneuerbaren Energien von Wärmepumpen und Solarzellanlagen basiert.

Der Betrieb von Eldar mit grünem, über ein großes Kabel übertragenem Strom führt nicht nur zu Einsparungen von CO2-Emissionen, die 30 Liter Diesel pro Stunde entsprechen, der Betrieb des Baggers ist auch billiger als mit einem Dieselmotor. Der norwegische Importeur und Händler von Baumaschinen und Geräten, Nasta, hat die Maschine mit Unterstützung des oben genannten PILOT-E-Systems entwickelt. Aufgrund einer erhöhten Kundennachfrage hat das Unternehmen eine eigene Abteilung zur Spezialanpassung und zum Umbau von Baumaschinen namens Nasta Spesialproduksjon eingerichtet. Eldar wurde also vom Dieselbetrieb auf Strombetrieb umgestellt. „Für Nasta sind zufriedene Kunden am allerwichtigsten. Wir haben zahlreiche Anfragen von Kunden erhalten, bei denen es um den Umbau von Maschinen auf Elektrobetrieb geht. Deswegen ist es für uns selbstverständlich, dass wir alles tun, um Lösungen zu finden“, erklärt Nils Olav Haukaas, Beauftragter für Sicherheits- und Gesundheitsschutz bei Nasta.

Haukaas zufolge ist der Umbau vorhandener Maschinen eine gute Lösung, um schnell elektrische, emissionsfreie Baumaschinen liefern zu können. „Die heutigen Baumaschinen basieren auf langjähriger Forschung und Entwicklung. Sie werden in großen Produktionsstätten gefertigt, die für die Herstellung zugeschnitten und von bewährten Zulieferern umgeben sind. Aufgrund rasch wechselnder Rahmenbedingungen wird der künftige Markt für Baumaschinen möglicherweise anders aussehen“, erklärt Haukaas.

Erste emissionsfreie Baustelle der Welt

Oslo verfolgt eine der ehrgeizigsten Klima- und Energiestrategien des Landes, um die Emissionen in der Stadt zu senken. Der Autoverkehr in Oslo ist für 62 Prozent der gesamten Emissionen verantwortlich. Es wurden mehrere Maßnahmen zur Senkung der Emissionen im Verkehrsbereich ergriffen, unter anderem eine autofreie Innenstadt sowie Mautgebühren, die den Ausbau des Radwegnetzes finanzieren. Oslo ist weltweit die Stadt mit dem höchsten Anteil an Elektroautos. Viele wissen aber vermutlich nicht, dass 30 Prozent der Verkehrsemissionen in der Stadt tatsächlich von den Baumaschinen auf den Baustellen stammen.

Wie bereits erwähnt, sind fossilfreie Technologien und Lösungen für Bauprojekte seit 2017 die Richtschnur für die Kommune. Jetzt hat die Stadt einen weiteren mutigen Schritt nach vorne gemacht, und vollständig emissionsfreie Baustellen auf die Tagesordnung gesetzt. Das erste Pilotprojekt ist die Sanierung der Olav-Vs-gate in der Nähe des Nationaltheaters in Oslo. Da elektrische Maschinen noch nicht serienmäßig hergestellt werden, veranstaltete die Kommune eine Ausschreibung für die Anmietung von Elektromaschinen. „Sørby Utleie AS erhielt den Zuschlag, da das Unternehmen das beste Angebot hatte. Die Firma konnte einen 8-Tonnen-Raupenbagger mit Akkubetrieb und einen 16-Tonnen-Raupenbagger mit Elektroantrieb über Kabel bereitstellen. Auch ein akkubetriebener Bagger mit Räderfahrwerk in einer Größe von rund 10 Tonnen wäre wünschenswert gewesen“, erklärt Martin Vik, Bauleiter bei der Osloer Umweltbehörde.

Bei einem Pionierprojekt wie einer emissionsfreien Baustelle bleiben Herausforderungen natürlich nicht aus. Großes Medieninteresse, praktische Herausforderungen mit den verfügbaren emissionsfreien Maschinen, zu wenig verfügbare emissionsfreie Maschinen in der richtigen Größe und Mangel an emissionsfreien Geräten für einzelne Tätigkeiten sind einige der Probleme, die Vik aufzählt. Um das Angebot an emissionsfreier Technologie auf dem Markt zu analysieren, besuchte einer der Projektmitarbeiter auch die diesjährige Bauma-Messe in München.

„Es gibt viele Hersteller, die mit verschiedenen Konzepten arbeiten. Meiner Auffassung nach ist das Marktangebot derzeit jedoch sehr dünn. Bei den fertig entwicketen kommerziellen Maschinen, die derzeit auf dem Markt sind, handelt es sich um sehr kleine Maschinen. Mehrere Hersteller erklären, dass im Laufe des nächsten Jahres weitere Maschinen auf den Markt kommen. Größere Bagger sind in der Regel Dieselmaschinen, die in Norwegen auf Elektrobetrieb umgebaut wurden“, erklärt Vik.

Die Nachfrage wird steigen

„Auch wenn sich die Nachfrage nach emissionsfreien Baumaschinen bisher in Grenzen hält, erwarten wir infolge des aktiven Vorstoßes der norwegischen Behörden vor allem in Norwegen, aber auch im restlichen Nordeuropa, künftig eine Zunahme. Wir haben auch Anfragen aus Kanada erhalten. Dabei ist zu beachten, dass es vorläufig um Forschung geht und dass die emissionsfreien Baustellen Testlabors sind“, erklärt Haukaas.

Solche Nullemissionsprojekte sind ihrer Zeit definitiv voraus. Mehrere Branchenakteure sind jedoch der Auffassung, dass der Markt allmählich folgen wird, wenn Bauherren Anforderungen stellen, und die Zusammenarbeit mit der Forschung und einschlägigen Lieferanten gewährleistet ist. Der Bagger Elder ist hierfür ein gutes Beispiel.