Bilaterale Kulturzusammenarbeit in einer digitalen Welt

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Martin Bach leitet seit September das Goethe-Institut in Oslo. Die deutschen Kulturinstitute gibt es an zahlreichen Standorten rund um den Globus, sie setzen sich für die Förderung der deutschen Sprache im Ausland sowie die internationale kulturelle Zusammenarbeit ein. In der zunehmend digitalen Welt, in der Informationen über das Internet leicht zugänglich sind, können sich für traditionelle Einrichtungen neue Herausforderungen ergeben. Wir haben Martin Bach zu den Zukunftsthemen in der deutsch-norwegischen Kulturarbeit interviewt und erfahren, welche Chancen und Herausforderungen er für das Goethe-Institut in einer digitalisierten Gesellschaft sieht.

Herr Bach, Sie sind der neue Leiter des Goethe-Instituts in Oslo. Wie erleben Sie Ihre Arbeit bisher, und welche Themen sind Ihnen in der deutsch-norwegischen Zusammenarbeit besonders wichtig?

Martin Bach: Ich bin noch in der Orientierungsphase. Das heißt, ich treffe viele Partner und potenzielle Partner, um zu hören, was sie erzählen und was für die deutsch-norwegische Zusammenarbeit relevant ist.

Ein Datum steht jedoch ganz oben auf der Kulturagenda, die Frankfurter Buchmesse 2019. Dort wird Norwegen Gastland sein, was bereits heute – über die Literaturszene hinaus – Thema im Land ist. Wir stehen auch in Kontakt mit dem Literaturfestival in Lillehammer, das im Jahr 2018 einen Deutschlandschwerpunkt haben wird. Hier bietet sich die Chance einer Art Vorlauf für Frankfurt, allerdings in die andere Richtung.

Das Goethe-Institut versteht sich nicht als Kultureinrichtung, die nur in eine Richtung kommuniziert. Wir schauen nicht nur, was wir Norwegen über Deutschland erzählen können, sondern auch, was Deutschland von Norwegen lernen kann und welche Impulse wir aus Norwegen mitnehmen können.

Wie Sie schon erwähnt haben, ist die Frankfurter Buchmesse in der norwegischen Literaturszene bereits jetzt ein wichtiges Thema. Merken Sie auch schon ein erhöhtes Interesse aus Deutschland an der norwegischen Literatur?

Ja, das Interesse ist da. Für die Frankfurter Buchmesse ist es natürlich ein alljährliches Ritual, aber ich weiß, dass sich die Organisatoren über kleinere Gastländer freuen, da diese besonders engagiert sind. Zudem ist die norwegische Literatur zurzeit sehr beliebt in Deutschland, und das nicht erst seit Kurzem. Bevor ich nach Oslo gegangen bin, hat mich jeder auf Knausgård angesprochen. Also wirklich jeder! Man merkt, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass Norwegen ein starkes literarisches Land ist.

Gibt es andere, für Ihre Arbeit besonders wichtige Themen?

Eine Herausforderung besteht für uns darin, dass wir in Oslo das einzige Goethe-Institut im Flächenland Norwegen sind. Wie können wir also mit unserem kleinen Team von Oslo aus die Breite erreichen? Hier ist das Digitale sehr wichtig. Wir bieten bereits Online-Sprachkurse an und werden auch verstärkt das Online-Ausleih-Angebot „onleihe“ ausbauen. Damit können Leute in ganz Norwegen Sprachkurse belegen sowie Bücher, Zeitschriften oder Tageszeitungen ausleihen und lesen, ohne nach Oslo reisen zu müssen.

Durch die Digitalisierung wird es aber auch einfacher für Künstler und Kunstinstitutionen, direkt miteinander in Kontakt zu treten und einander zu finden. Wie wirkt sich das auf die Rolle des Goethe-Instituts aus?

Ich glaube, die Institute werden noch wichtiger! Gerade in Zeiten der Digitalisierung braucht man Anlaufpunkte, die auch die Menschen kennen und die Kultur verstehen. Ein Institut ist ja nicht nur der Institutsleiter oder die Institutsleiterin, sondern alle Mitarbeiter, die teilweise seit Jahrzehnten dabei und mit der Szene vernetzt sind. Ich glaube, um sich so zu vernetzen, um tiefgreifende Beziehungen aufzubauen und pflegen zu können, ist die physische Präsenz sehr wichtig. In den letzten Jahren wurden mehr Goethe-
Institute eröffnet als geschlossen.

Die Goethe-Institute sind Teil eines internationalen Netzwerkes. Inwiefern beeinflusst das Ihre Arbeit hier in Oslo?

Das bilaterale, Deutschland – Norwegen, bleibt natürlich unser Kern, aber viele Themen lassen sich besser in einem multikulturellen Kontext angehen. So sind wir beispielsweise in Projekte involviert, die bis nach Tokio, Süd-Amerika und Afrika ausstrahlen. Unter dem Hauptthema Migration werden diese Projekte in den nächsten Jahren noch wichtiger werden. Ich glaube, dass sich die überregionale Zusammenarbeit im Netzwerk in Zukunft weiter verstärken wird.

Das Netzwerk ist aber auch für unsere norwegischen Partner von Bedeutung. Wir können beispielsweise innerhalb kürzester Zeit in unserem Netz einen spannenden georgischen Literaten finden. Wir können Perspektiven aus anderen Erdteilen einbringen, die auch für Debatten in Norwegen bereichernd sein können. Das Netzwerk von 159 Goethe-Instituten in 98 Ländern ist einzigartig.

Interview: Trine Jess