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Im Herbst 2017 eröffnete das Kongsberg Kompetenzzentrum für Ausbildungsberufe (KKY) auf Initiative von Kongsberg Defence & Aerospace. Wir haben mit Vidar Lande, Senior Personalberater, gesprochen, der an der Umsetzung dieses Projekts zur Förderung der dualen Ausbildung gearbeitet hat.

Können Sie uns etwas zum Hintergrund des Projektes erzählen?

Vidar Lande: Wir haben eine Klasse der Sekundarstufe II mit dem Schwerpunkt „Industrietechnik“ in ein industrielles Milieu umgezogen, von der weiterführenden Schule in Kongsberg zum Ausbildungsbetrieb Kongsberg Technology Training Center (K-tech). Dieses befindet sich im Technologiepark und ist im Besitz der drei größten in Kongsberg angesiedelten Unternehmen Kongsberg Gruppen, GKN Aerospace und TechnipFMC. Die Schüler erhalten hier sowohl eine praktische Ausbildung als auch fachbezogenen Theorieunterricht. Den Unterricht in gemeinsamen Fächern haben sie weiterhin mit den anderen Schülern in der Schule. Wir arbeiten daran, den Rahmen für dieses Projekt so auszuweiten, dass zukünftig der Unterricht in mehreren anderen Fächern vor Ort abgehalten kann, sowie dass weitere berufsbildende Fachrichtungen angeboten werden können.

Sie reisen demnächst für eine Studienreise, die von der AHK Norwegen organisiert wird, nach Stuttgart. Inwiefern war das deutsche Modell der dualen Ausbildung ein Vorbild bei der Planung des Kompetenzzentrums?

Die Idee für das Kompetenzzentrum entstand in Kongsberg, weil wir mit K-tech bereits einen sehr gut funktionierenden Ausbildungsbetrieb haben. Aus diesem Grund hatte Kongsberg Defence & Aerospace den starken Wunsch, ein neues Konzept zu entwickeln, um die Bewerberzahlen für die einzelnen Fächer zu erhöhen – also die Bewerbung für eine Berufsausbildung attraktiver zu gestalten – und gleichzeitig das fachliche Niveau zu verbessern. Das Projekt ist also zustande gekommen, ohne dass wir uns mit der dualen Ausbildung in Deutschland intensiv auseinandergesetzt haben. Dass es in beiden Ländern den gleichen Gedanken gibt, halte ich für ein gutes Zeichen. Mit der Zeit haben wir jedoch verstanden, dass Deutschland auf diesem Gebiet schon sehr weit gekommen ist. Deshalb organisieren wir mit Unterstützung der Handelskammer eine Studienreise nach Stuttgart, um mehr darüber zu erfahren, wie diese Art der Berufsausbildung dort funktioniert.

Die Nachfrage kam also vor allem von der Industrie?

Das ist richtig, die Idee ist über die Zeit gereift. Terje Bråthen, Direktor der Abteilung Aerostructures, hat im Winter 2015 die Initiative für ein erstes Meeting zwischen dem norwegischen Arbeitgeberverband, K-tech und lokalen Politikern ergriffen. Ich war damals Bürgermeister der Gemeinde Kongsberg und wurde ebenfalls zu diesem Termin eingeladen. Das Treffen war die Grundlage für die weitere Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsbezirk Buskerud, der weiterführende Schule Kongsberg und den beteiligten Unternehmen. Bei der Projektplanung haben wir beschlossen, dass es nicht nur ein Ressourcenzentrum für Auszubildende, sondern auch für das Lehrpersonal sein sollte.

Wie verändert sich die Berufsausbildung in Zeiten von Industrie 4.0?

Mit der Digitalisierung und Robotisierung gehen viel höhere Anforderungen an die zu erwerbenden Fachkenntnisse einher. Wenn in der Schule das Wissen vermittelt werden soll, das zu den Bedürfnissen der Industrie passt, müssen wir die Ausbildung verändern. Die technische Ausstattung in der Schule muss die gleiche sein wie die, die Schüler später in der Arbeitswelt bedienen. An der KKY werden die Auszubildenden zum Beispiel darin geschult, CNC-Maschinen zu führen. Bis zur Eröffnung im Herbst wurden zudem Schulungsmodelle vom Automatisierungs- und Digitalisierungsspezialisten Festo angeschafft. Wir werden übrigens im Rahmen der Studienreise nach Stuttgart die Ausbildungsabteilung und die Cyber Physical Factory bei Festo besuchen.

Die heutigen Fachkräfte müssen außerdem mehr können, als Maschinen zu steuern – sie werden in die Projektplanung involviert und arbeiten im Team. Wir stellen heutzutage höhere Anforderungen an sprachliche Fähigkeiten und Mathematikkenntnisse.

Laut des Kompetenzbarometers des Arbeitgeberverbands NHO besteht zukünftig ein großer Bedarf an Fachkräften. Gleichzeitig stellt die Zahl derjenigen, die ihre Ausbildung nicht beenden, ein Problem dar. Worauf ist dies zurückzuführen?

Die Ursachen sind ziemlich komplex. Wir haben dieses Projekt initiiert, um das Interesse an berufsbildenden Fächern zu steigern, sodass wir in Zukunft qualifizierte Facharbeiter haben. Wir hoffen, dass sich mehr Schüler für die Ausbildungsberufe im Rahmen der Sekundarstufe II bewerben und diese auch abschließen, wenn sie in einem industriellen Umfeld mit hochmotivierten Auszubildenden arbeiten, die bereits ein Stück weiter in der Ausbildung sind und als Vorbilder fungieren. Es ist sowohl für den einzelnen Schüler als auch für Arbeitgeber in der Industrie und nicht zuletzt für die Gesellschaft wichtig, dass möglichst wenige die Ausbildung abbrechen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Stolpersteine für das „Buskerudmodell“ auf dem Weg zu einem nationalen Modell für duale Ausbildung in Norwegen?

Selbstverständlich gilt es einige Herausforderungen in einem Pilotprojekt zu meistern, aber wenn alle Beteiligten motiviert sind, werden wir es auch erfolgreich etablieren können. Die Industrie in Kongsberg hat eine lange Tradition bei der Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen. Trotzdem stellt es immer noch eine Herausforderung dar, wenn zwei verschiedene Milieus zusammengeführt werden sollen. Eine gute Planung ist hierbei sehr wichtig. Außerdem muss viel Zeit miteinander verbracht werden; Ausbilder, Lehrer und Vertrauenspersonen müssen in einen systematischen Prozess einbezogen werden. Nicht zuletzt müssen alle Beteiligten offen für neue Ideen sein und ein gutes politisches Verständnis für die notwendigen Beschlüsse haben. Ich glaube, dass die Anforderungen im Arbeitsleben und in der Gesellschaft die Berufsausbildung bestimmen sollten. Mit der Kooperation, auf der das „Buskerudmodell“ basiert, kann man gemeinsam viel erreichen.

Interview: Hilde Bjørk, Übersetzung: Julia Pape

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