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Das deutsche Modell gilt als Vorbild bei der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte, die mit einer größeren Chance auf einen erfolgreichen Eintritt in das Berufsleben rechnen können. Dennoch zeigt die Entwicklung der letzten Jahre, dass es dringend notwendig ist, die betriebliche Ausbildung für Schüler wieder als attraktiven Ausbildungs- und Berufsweg und als gute Alternative zum Studium zu vermitteln. Die Situation in Norwegen ist ähnlich.

Akademikerboom

In Deutschland gehen sowohl die Bewerberzahlen für Lehrberufe als auch die Zahl der ausgeschriebenen Lehrstellen zurück. Für die Zukunft stellt das ein Problem dar: Bei anhaltendem Fachkräftemangel kann der Bedarf für die während des Babybooms in den 1960er Jahren geborenen Facharbeiter nicht gedeckt werden, wenn diese in einigen Jahren das Rentenalter erreichen. Im Jahr 2030 werden in Deutschland bereits eine Million Facharbeiter fehlen, so die Prognose des deutschen Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

Die sinkende Geburtenrate und steigende Bewerberzahlen für ein Studium an einer Fachhochschule oder Universität sind die Gründe für zahlreiche unbesetzte Ausbildungsplätze in Deutschland. «Auf Druck der OECD war man ein Jahrzehnt lang stärker an einer hohen Akademikerquote interessiert», so Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie-und Handelskammertages (BIHK).

Deutschland lag bei der Akademikerzahl lange weit hinter anderen Industrieländern zurück, weshalb die OECD diese Quote steigern wollte: Höhere Bildungsabschlüsse würden höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer mit sich bringen, was wiederum das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand sichern. Diese Zielsetzung der OECD prägt die deutsche Bildungspolitik und den öffentlichen Diskurs noch heute: „So gewännen viele Eltern und Schüler den Eindruck, dass beruflicher Erfolg nur noch über die akademische Schiene möglich sei“, schreibt Die Zeit.

Die Ausbildung der Zukunft

Zahlreiche Analysten und Forscher zweifeln an der Annahme, dass eine höhere Akademikerquote zwangsläufig zu wachsendem Wohlstand führe. Sie warnen sogar davor, dass die duale Ausbildung, die einst Antriebsmotor beim Aufbau der deutschen Wirtschaft und Industrie nach dem zweiten Weltkrieg war und die Jugendarbeitslosigkeit gering hielt, auf der Jagd nach einem akademischen Abschluss verkümmere. Die berufliche Ausbildung benötigt zweifellos einen Imagewandel, damit auch in den kommenden Jahrzehnten geeignete Bewerber für freien Stellen gesichert sind.

„Wir müssen zudem noch besser darin werden, behinderte und benachteiligte Menschen stärker in das Ausbildungssystem zu integrieren“, benennt der Präsident des BIBB, Prof. Friedrich Hubert Esser, einen möglichen Ansatzpunkt. Außerdem müsse man das Trendthema Industrie 4.0 als Chance verstehen und abwägen, ob die in der Ausbildung vermittelten Fähigkeiten und Kompetenzen tatsächlich zu den radikalen Umstellungsprozessen der Industrie passen. „Um auch in Zukunft für junge Menschen attraktiv zu bleiben, muss das duale Ausbildungssystem internationaler werden“, so das Fazit eines Berichts der Konrad-Adenauer-Stiftung. Fortgeschrittene Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenz von Facharbeitern seien in Zeiten der Globalisierung wichtige Qualifikationen.

Erste Veränderungen in Norwegen

Dass die berufliche Ausbildung vermeintlich als Bildungsweg zweiter Klasse angesehen wird, ist auch in Norwegen ein bekanntes Problem. Der norwegische Wirtschaftsverband (NHO) arbeitet kontinuierlich daran, den Ruf der betrieblichen Ausbildung bei Schülern der Sekundarstufe II zu verbessern. Grund dafür ist die hohe Nachfrage seitens der Industrie. Das kürzlich veröffentlichte NHO-Kompetenzbarometer 2017 bewertet Fähigkeiten und Fertigkeiten in Abhängigkeit des Bildungsniveaus. Daraus geht hervor, dass bei „den meisten befragten Unternehmen in den nächsten fünf Jahren ein großer Bedarf für Mitarbeiter mit einer soliden fachlichen Ausbildung besteht“.

In Norwegen sind jedoch nicht die sinkenden Bewerberzahlen für Lehrberufe die größte Herausforderung, sondern die hohe Abbrecherquote, unter anderem weil die Ausbildung als zu theoretisch und zu wenig relevant empfunden wird. Dem wollen die Initiatoren des neu eröffneten Kongsberg Kompetenzzentrums (KKY) entgegenwirken. Bislang verbringen Auszubildende das zweite Lehrjahr in der Schule. In diesem Jahr wurde jedoch eine Klasse mit dem Schwerpunkt „Industrietechnik“ in einen Lehrbetrieb umgezogen, um die Ausbildung in ein industrielles Umfeld zu verlagern und möglichst praxisnah zu gestalten. Auf diese Weise nähert sich das Konzept der norwegischen Berufsausbildung an das deutsche Erfolgsmodell für duale Ausbildung an.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Projektidee auch in anderen Landesteilen und Berufsrichtungen Anklang findet. In den vergangenen Jahren war man sich auch auf politischer Ebene darüber einig, die Berufsausbildung stärker zu fördern. Im Staatshaushalt für das Jahr 2018 hat die norwegische Regierung so einen Vorschlag zur Bewilligung von 40 Millionen Kronen für Ausbildungszwecke vorgelegt. Ein Ziel ist die engere Zusammenarbeit zwischen Lehreinrichtungen und Industrie, um „mehr Ausbildungsplätze und angepasste Ausbildungsverläufe“ zu schaffen. Um die Arbeitskräfte für die industriellen Bedarfe von morgen zu rüsten, braucht es politisches Engagement und gemeinsame Initiativen von der Industrie und Lehreinrichtungen – hierbei geht KKY als gutes Beispiel voran.

Text: Hilde Bjørk, Übersetzung: Julia Pape

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