Illustrationsfoto vom German-Norwegian Energy Dialogue. Foto

Covid-19: Klimapolitik ausschlaggebend für die Folgen im Strommarkt

Deutsch Norwegisch (Buchsprache)

Im ersten Teil der Webinarreihe des German-Norwegian Energy Dialogue 2020 am 27. Mai haben die Experten den europäischen Green Deal als entscheidenden Faktor für die langfristigen Auswirkungen der Covid-19-Krise auf den europäischen Strommarkt hervorgehoben.  

„Im Winter kamen viele Ereignisse zusammen, die für einen perfekten Sturm gesorgt haben, noch bevor Corona Europa getroffen hat”, begann Arndt von Schemde von der Thema Consulting Group seine Keynote. Drei Ereignisse haben seiner Aussage nach dazu beigetragen, dass die Strompreise bereits seit November 2019 gesunken sind und bei Eintreffen der Krise sehr niedrig waren: Außergewöhnlich hohe Niederschlagsmengen und starker Wind führten zu überschüssigem Strom, während milde Temperaturen in den nordischen Ländern eine viel geringere Nachfrage als gewöhnlich erzeugten. Als die Nachfrage nach Energie in Form von Gas, Strom und Öl aufgrund des nahezu vollständigen wirtschaftlichen Stillstands im März zurückging, wurde der Markt weiter lahmgelegt.

Die Marktstabilitätsreserve des EU-Emissionshandelssystems hatte laut Schemde dazu beigetragen, dass die Preise nicht weiter gefallen sind. Darüber hinaus ist der Gaspreis sehr niedrig und Gas somit attraktiver als Kohle. „Werden wir aus wirtschaftlichen Gründen einen schnelleren Kohleausstieg in Deutschland erreichen?“, fragte Schemde in die Runde. Dabei benannte er die Klimapolitik der EU als entscheidenden Faktor für die langfristigen Auswirkungen der Krise auf den Strommarkt: „Wird man die Ziele des Green Deals anpassen oder weiterhin eine aggressive Klimapolitik verfolgten? Das ist diese Frage, die Europa gerade spaltet.“

Kommentare aus der Industrie

Knut Kroepelien, Geschäftsführer von Energi Norge, betonte, dass eine stabile langfristige Klimapolitik auf EU-Ebene wie das revidierte CO2-Quotensystem und das „Clean Energy for All Europeans“-Paket wichtig für den Weg aus der Krise sind. Er glaubt nicht, dass Europa von der ehrgeizigen Klimapolitik des Green Deals abweichen wird. „Wir werden weiterhin Diskussionen über das 55-Prozent-Ziel sehen. Es ist an der Zeit, dass sowohl Norwegen als auch die EU auf umweltfreundlichere Lösungen drängen“, sagte er und verwies auf das am 29. Mai vorgestellte grüne Krisenpaket der norwegischen Regierung.

Dr. Stephan Krieger, Leiter für internationale Beziehungen im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), berichtete, dass der deutsche Stromsektor relativ gut durch die Krise gekommen ist. „Auf dem Höhepunkt der Krise lag der Nachfragerückgang bei 13 Prozent. Im Vergleich zu beispielsweise 36 Prozent in Frankreich und 32 Prozent in Großbritannien ist der Rückgang relativ gering.“ Er wies auch darauf hin, dass Kohle- und Atomkraft sehr hart getroffen wurden und stieg in die Diskussion zu den Auswirkungen der aktuellen Situation auf die Ziele der EU im Rahmen des Green Deals ein.

Dr. Jürgen Tzschoppe, Executive Vice President International Power bei Statkraft, teilte eine interessante Beobachtung, die das Unternehmen während der Krise durch seine Solar- und Windkraftaktivitäten in Deutschland gemacht hat. „Es ist, als hätten wir in die Zukunft vorgespult, in der der Anteil an Solar- und Windenergie im Strommix viel größer ist als es heute der Normalfall ist. Durch den Nachfragerückgang ist dieser Anteil gestiegen und hat konventionelle fossile Quellen verdrängt. Im Ergebnis haben wir einen erheblichen Überschuss an konventioneller Energie, die derzeit weitgehend ungenutzt bleibt. Dadurch besteht die Gefahr, dass erneuerbare Projekte aufgrund der Marginalkosten fossiler Brennstoffe vom Markt verdrängt werden.“