Deutschland: Innovationsmeister und digitaler Nachzügler

Deutsch Norwegisch (Buchsprache)

Deutschland ist das innovativste Land der Welt. Internationale Rankings und nationale Umfragen zeigen jedoch, dass das Land bei der digitalen Entwicklung nach wie vor hinterherhinkt. Woran liegt es, dass Deutschland Innovationsmeister und digitaler Nachzügler zugleich ist?

2019 rutschte Deutschland im Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums (WEF) auf Platz 7 von 141 Ländern, vier Ränge niedriger als im Vorjahr. Bei Infrastruktur, makroökonomischer Stabilität und Gesundheit erreicht Europas größte Volkswirtschaft sehr hohe Punktzahlen, im Bereich Innovationsfähigkeit ist Deutschland auf Platz 1. Zu den entscheidenden Faktoren für den Spitzenplatz gehören die große Zahl von Patentanmeldungen (5) und wissenschaftlichen Veröffentlichungen (3), Forschungsinstitutionen von Weltrang (4) sowie ein gut entwickeltes Cluster-Umfeld (4). Die mit Abstand größte Schwäche des Landes liegt in der Anwendung von Informationstechnologie. Hier belegt Deutschland den 36. Platz, weit hinter Norwegen auf dem 10. Platz, mehreren anderen europäischen Ländern, Russland, China und einigen Golfstaaten.

Auch wenn Deutschland Innovationsweltmeister ist, ist die informationstechnologische Infrastruktur auf Landesebene nicht ausreichend, um im Vergleich mit anderen wettbewerbsfähigen Ländern digitale Innovation vorantreiben zu können. Das zeigt das jährliche Ranking der digitalen Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Länder, das IMD World Digital Competitiveness Ranking der IMD Business School in der Schweiz. Die IMD definiert digitale Wettbewerbsfähigkeit als die wirtschaftliche Fähigkeit, digitale Technologien, die zu Änderungen in den Abläufen von Behörden, in Geschäftsmodellen und in der Gesellschaft im Allgemeinen führen, anzupassen und zu erschließen. 2019 liegt Deutschland auf Platz 17 von 63 bewerteten Ländern. Wie ist es möglich, das innovativste Land der Welt zu sein und gleichzeitig bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit so weit hinten zu liegen?

Gutes Know-how, weniger gute Infrastruktur

„Die Innovationsfähigkeit eines Landes hängt sehr stark damit zusammen, welchen Anteil Forscher und Ingenieure an der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachen, in welchem Maß geistiges Eigentum geschützt wird und in welchem Maß öffentliche Hand, Privatwirtschaft und Wissenschaft kooperieren“, schreibt unter anderem Arturo Bris, Direktor des IMD World Competitiveness Center.

Mit Ausnahme der Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand sind dies Bereiche, in denen Deutschland im digitalen Ranking der IMD relativ gut abschneidet. Das Verfahren der IMD unterteilt digitale Wettbewerbsfähigkeit in drei Hauptfaktoren: Technologie, Know-how und Zukunftsfähigkeit. Diese drei Säulen werden wiederum in drei Unterfaktoren eingeteilt, die aus mehreren Kriterien bestehen. Die Länder werden für jedes einzelne Kriterium bewertet. Die Summe hiervon ergibt die Platzierung innerhalb der drei Hauptfaktoren. Insgesamt schneidet Deutschland im Bereich Know-how (12) gut und bei Zukunftsfähigkeit (16) befriedigend ab. Im Bereich Technologie belegt es dagegen nur den 31. Platz.

„Wir sind ein bisschen ein träges Land geworden, weil bei uns vieles so einigermaßen läuft“

Angela Merkel

Dass Deutschland beim Technologiefaktor so weit hinten rangiert, liegt unter anderem daran, dass das Land bei mehreren Kriterien im Bereich regulatorische und technologische Rahmen wie Unternehmensgründungen (48), Kommunikationstechnologie (55), Abonnenten von mobilem Breitband (54) und kabellosem Breitband (48) schlecht abschneidet. Der Know-how-Faktor wirft dagegen ein etwas anderes Licht auf Deutschland: Es wird viel in Forschung und Entwicklung (FuE, 9) investiert, gemessen an Veröffentlichungen verfügt Deutschland über eine hohe FuE-Produktivität (11), und liegt beim Einsatz von Robotern in den Bereichen Ausbildung, Forschung und Entwicklung weltweit auf Platz 2.

Vereinfacht gesagt: Auch wenn Deutschland in Sachen Know-how sehr stark ist, was zur hohen Innovationsfähigkeit des Landes beiträgt, stehen die fehlende technologische Infrastruktur und der geltende regulatorische Rahmen der digitalen Wettbewerbsfähigkeit im Wege.

Digitale Innovation in der Industrie

Das IMD-Ranking gibt einen Einblick in ein inhomogenes Land: Deutschland verfügt beispielsweise über eine sehr gut entwickelte Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie, während die Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft hinterherhinkt. In Norwegen wurden viele der digitalen Innovationen in der Industrie und in der Wirtschaft durch staatliche Initiativen und Vorschriften vorangetrieben. Aufgrund von Deutschlands äußerst inhomogener Geschichte mit großen regionalen Unterschieden und einer föderal organisierten Bürokratie ist die Implementierung staatlicher Initiativen natürlich ein zeitaufwendigerer und komplexerer Prozess.

Hieran kann es unter anderem liegen, dass viele Innovationen, die in Deutschland derzeit stattfinden, von der Wirtschaft und größeren Industrieakteuren vorangetrieben werden. Ein Beispiel ist das Testzentrum von Siemens in Nürnberg, wo im November 2019 ein privates 5G-Netzwerk in Betrieb genommen wurde. Gerade auch im Bereich Industrie 4.0, der herkömmliche Industrie mit digitaler Innovation verbindet, gilt Deutschland als Vorreiter. Ein neueres Beispiel hierfür ist Bosch. Im Rahmen der Corona-Krise hat das Unternehmen in nur wenigen Wochen eine komplett automatisierte Produktionslinie für den Mund-Nasen-Schutz aufgebaut.

Wettbewerbsfähigkeit leidet

Bevor die Corona-Pandemie auftrat, herrschte in Deutschland mehrere Jahre Hochkonjunktur. Wenn die Wirtschaft boomt und die Auftragsbücher prall gefüllt sind, erscheint es möglicherweise nicht so dringend, Zeit und Geld in den digitalen Wandel zu investieren? Eine kürzlich vom Bundesverband Informationswirtschaft, Technologie und Medien (Bitkom) durchgeführte Befragung hat gezeigt, dass Anfang 2020 nur ein von vier Unternehmen plant, in digitale Geschäftsmodelle zu investieren.

„Wir sind ein bisschen ein träges Land geworden, weil bei uns vieles so einigermaßen läuft“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel im November 2019 über den Digitalisierungsstand in Deutschland.

Für die Bundesregierung liegt es auf der Hand, dass Deutschland mittelfristig an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen wird, wenn das Land nicht an der digitalen Entwicklung teilnimmt. Merkel hat die Digitalisierung zu einer ihrer Herzensangelegenheiten erklärt, und es mangelt nicht an politischem Willen: Im August 2018 hat die Bundesregierung einen digitalen Rat ernannt, der die Regierung in Digitalisierungsfragen unterstützen und die digitale Entwicklung vorantreiben soll. 2019 wurde die Strategie für den digitalen Wandel eingeführt. Sie verfolgt das Ziel, ganz Deutschland bis 2025 mit schnellen Internetverbindungen auszustatten und das Land für 5G-Anwendungen zu einem führenden Markt zu machen. 2018 hat Deutschland bereits eine Strategie für Künstliche Intelligenz vorgelegt – zum Vergleich: Die norwegische Regierung hat ihre Strategie erst Anfang 2020 verabschiedet. Trotzdem kommt das Land im IMD-Ranking bei Investitionen in die Telekommunikation nur auf den 51. Platz.

Datenschutzbedenken bremsen die Entwicklung

Letztlich kommt man bei der Entwicklung einer digitalen Wirtschaft aber nicht weit, wenn es in der Bevölkerung an der Bereitschaft mangelt, die digitalen Angebote zu nutzen.

„Volkswirtschaften, in denen Einzelne auf neue Technologien und Branchen zurückgreifen und für Innovationen aufgeschlossen sind, belegen die oberen Plätzen im digitalen Ranking“, so Bris in der Einleitung zum IMD World Digital Competitiveness Ranking 2019.

Bei der Zahl der Verträge für mobile Breitbandanschlüsse liegt Deutschland auf dem 55. Platz, bei der Zahl der Internetnutzer auf Rang 18, bei allen anderen Kriterien im Bereich Aufgeschlossenheit gegenüber der Digitalisierung rangiert das Land ziemlich weit unten auf der Liste. Das kann unter anderem daran liegen, dass den Deutschen Datenschutz nach wie vor sehr am Herzen liegt. Angela Merkel hat es im Bundestag 2018 wie folgt formuliert:

„Zu glauben, wir könnten bei der Künstlichen Intelligenz vorne sein und bei Daten so restriktiv wie möglich, ist genauso, wie wenn man Kühe züchten will und ihnen kein Futter gibt.“

Laut einer Umfrage von ARD-DeutschlandTrend im Jahr 2019 gaben ganze 61 Prozent an, Angst oder sehr große Angst vor Datenmissbrauch zu haben. Erst kürzlich entbrannte im Rahmen der Entwicklung einer Kontaktverfolgungs-App für Covid-19 eine heftige Debatte. Die deutschen Behörden hatten sich für eine Lösung entschieden, die Daten zentral speichert. Nachdem die Gefahr des Datenmissbrauchs von Experten massiv kritisiert worden war, haben die Behörden ihre Strategie geändert und sich für eine Lösung entschieden, die Daten lokal auf dem Telefon des Benutzers speichert.

„In der Corona-Krise zeigt sich die Bedeutung der Digitalisierung für Wirtschaft und Verwaltung mehr denn je. Die Krise ist eine Aufforderung, die Digitalisierung künftig entschieden voranzutreiben.“

Achim Berg, Präsident, Bitkom

Laut dem deutschen Soziologen Armin Nassehi rufen Veränderungen, deren Ergebnis unbekannt ist, immer Angst bei Menschen hervor. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stecken noch in den Kinderschuhen, deswegen ist es eine normale menschliche Reaktion, beispielsweise Angst davor zu haben, dass das Voranschreiten zum Verlust des Arbeitsplatzes führen kann. Viele Fachleute weisen darauf hin, dass die Deutschen aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit Diktatur und Überwachung in der Vergangenheit besonders skeptisch sind. Da Daten der Kern der digitalen Wirtschaft und letztlich unentbehrlich sind, wenn man beispielsweise in der Medizin-, Finanz-, Handels- und Baubranche führend sein möchte, muss Deutschland einen gangbaren Weg zwischen Wahrung des Datenschutzes und digitaler Innovation finden.

Lokale Innovation floriert

Durch das Onlinezugangsgesetz, das 2017 verabschiedet wurde, hat die Bundesregierung gesetzlich festgelegt, dass sämtliche staatlichen Verwaltungsleistungen im Jahr 2022 für die Bürger digital zugänglich sein müssen. Derzeit ist es noch den einzelnen Gemeinden überlassen, wie viele ihrer Leistungen sie online anbieten möchten. Innerhalb der digitalen Verwaltung (E-Government) gibt es zwischen den einzelnen Bundesländern, aber auch zwischen verschiedenen Städten in den Bundesländern große Unterschiede: Im Smart City Index 2019 vom Bitkom schneidet Mannheim (Baden-Württemberg) mit 77,6 von 100 möglichen Punkten bei der digitalen Verwaltung am besten ab. Stuttgart als Landeshauptstadt mit doppelt so vielen Einwohnern erhält dagegen nur 57,6 Punkte.

Es gibt zahlreiche Beispiele für Innovationen auf lokaler Ebene, in Städten und Bundesländern: Als erste deutsche Stadt hat Gelsenkirchen (NRW) mit dem Start-up XignSys GmbH zwecks Entwicklung einer Smartphone-Bürger-App kooperiert, mit deren Hilfe die Bürgerinnen und Bürger kommunale Leistungen über das Internet nutzen können.

Im Rahmen der Initiative Digitalstadt Darmstadt hat die Wissenschaftsstadt Darmstadt eine Vision, „Vorreiter und internationaler Leuchtturm dafür, mit neuen Technologien den Alltag der Menschen in der Stadt zu erleichtern“ zu sein. Über ein „Servicekonto“, auf das mit einer Personenkennung zugegriffen werden kann, haben die Bürger unter anderem digitalen Zugang zu Verwaltungsleistungen der hessischen Stadt. In Zusammenarbeit mit der Telekom und Ericsson ist Darmstadt auch dabei, ein Testfeld für 5G einzurichten.

Covid-19 erzwingt Änderungen

„In der Corona-Krise zeigt sich die Bedeutung der Digitalisierung für Wirtschaft und Verwaltung mehr denn je. Die Krise ist eine Aufforderung, die Digitalisierung künftig entschieden voranzutreiben“, so Bitkom-Präsident Achim Berg in einer Pressemitteilung über Deutschlands Digitalisierungsstand.

In der derzeitigen Krise ist vermutlich in vielen Ländern spürbar, wie wichtig die digitale Entwicklung ist, im Positiven wie im Negativen. In Deutschland ist in kurzer Zeit sehr viel Positives entstanden: So gab es bis Mai 2020 beispielsweise 25 000 Arztpraxen, die Sprechstunden online anbieten. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt wurde ein 48-stündiger Corona-Hackathon namens #wirVSvirus initiiert, aus dem die Entwicklung von 1 500 Lösungen hervorging. Eine davon ist die Kooperationsplattform #industryVSvirus – ein Online-Tool, das das passende Know-how aus Industrie, Wissenschaft und Verwaltung verbindet, um das Land besser für die Bewältigung der Krise zu rüsten.

Sowohl der Global Competitiveness Report des WEF als auch das World Digital Competitiveness Ranking der IMD zeigt, dass Deutschland mit seiner Innovationsfähigkeit, stabilen Wirtschaft und seinem gut ausgebauten Umfeld für Forschung und Entwicklung gute Voraussetzungen hat, bei der digitalen Entwicklung dabei zu sein. Ob die aktuelle Krise zur Beschleunigung der Digitalisierung beitragen wird, bleibt abzuwarten.