Wasserstoff wichtig für die Dekarbonisierung der Industrie

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Im dritten Teil der Webinarreihe des diesjährigen German-Norwegian Energy Dialogue am 10. Juni wurde diskutiert, welche Rolle Wasserstoff in der Dekarbonisierung der europäischen Industrie spielen kann, um das Ziel der Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu erreichen.

Gemäß der EU-Klimaziele soll die Industrie im Jahr 2050 annähernd emissionsneutral sein. Dr. Sascha Samadi, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für zukünftige Energie- und Industriesysteme am Wuppertal Institut, erklärte in seiner Keynote, dass die Emissionen in der deutschen Industrie um 21 Prozentpunkte sinken müssen gegenüber 2018, um die aktuellen Branchenziele der Bundesregierung für 2030 zu erreichen (50,7 Prozent verglichen mit dem Niveau der 1990er Jahre). „Dieses Ziel zu erreichen wird eine Herausforderung, ganz zu schweigen von den Zielen für 2050“, so Samadi.

22 Prozent der Emissionen in Deutschland kommen aus der Industrie. Die Hälfte davon kommt aus der Eisen-, Stahl-, Chemie- und Zementbranche und ein Großteil ist, laut Samadi „hard-to-abate“ – schwierig zu beseitigen: Es brauche radikale Änderungen in den Produktionsprozessen oder den Einsatz von CCS (CO2-Abscheidung und -Speicherung), um die Emissionen zu senken. Samadi sieht großes Potenzial im Gebrauch von Wasserstoff in verschiedenen industriellen Prozessen. „Laut unserer Einschätzung ist klimafreundlicher Wasserstoff eine gute Alternative in der Produktion von Primärstahl und eine gute Lösung, um die jetzige Dampfreformierung im Chemiesektor zu ersetzen.“

Das Problem bei grünem Wasserstoff liege im großen Bedarf nach Elektrizität aus erneuerbaren Quellen. Bei aus Erdgas hergestelltem blauem Wasserstoff, bei dessen Pruduktion CO2 freigesetzt, abgeschieden und gespeichert wird (CCS), bestehe das Problem, dass dafür eine Infrastruktur sowie öffentliche Akzeptanz nötig sei, was, zufolge Samadis, in Deutschland nicht der Fall sei. Er betont, dass es wichtig sei Strategien parallel in Gang zu setzen, um die Emissionsziele zu erreichen: Neben CCS und der Nutzung klimaneutraler Energieträger wie Wasserstoff, seien Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft wichtig.

Engagement für blauen Wasserstoff

Equinors Country Manager für Deutschland, Bjarne Bull-Berg, berichtete von dem Projekt „H2morrow“, welches Equinor gemeinsam mit dem deutschen Gasnetzbetreiber Open Grid Europe durchführt: Das Projekt sieht die Lieferung von Naturgas aus Norwegen nach Deutschland vor, aus dem durch autotermische Reformierung blauer Wasserstoff hergestellt wird. Das im Reformierungsprozess anfallende CO2 wird abgeschieden und zurück nach Norwegen transportiert, wo es unter dem Meeresboden in der norwegischen Nordsee gespeichert wird (CCS). Der entstandene Wasserstoff (geplant sind 8,6 TWh) soll zur Dekarbonisierung der deutschen Industrie beitragen. Dadurch verringert sich der CO2-Fußabdruck um 95 Prozent.

„In der Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung ist grüner Wasserstoff die vorgezogene Lösung. Wir hatten gehofft, dass die Strategie einen technologie-neutraleren Ansatz verfolgt und blauer Wasserstoff, als Wegweiser für die Wasserstoffwirtschaft, etwas Anerkennung erfährt“, erzählte Bull-Berg. Trotzdem gebe die Strategie viele gute Impulse für eine erfolgreiche deutsche und europäische Wasserstoffwirtschaft. „Für uns ist blauer Wasserstoff eine wichtige Ergänzung zu grünem. Wir unterstützen die Entwicklung von grünem Wasserstoff, jedoch ist zurzeit die Technologie rund um blauen Wasserstoff ausgereifter und wirtschaftlicher. Beide sind notwendig.“

Siemens erweitert sein Energieportfolio

Siemens Abteilung für Energie „Siemens Gas and Power“ ist kürzlich zu einem eigenen Energieunternehmen geworden: Siemens Energy. Jenny Larfeldt, Senior Combustion Expert, erklärte, dass Siemens Energy dazu beitragen kann, den anstehenden Wechsel der erneuerbaren Energien auszubalancieren und zu unterstützen.

„Dass wir zu Siemens Energy geworden sind, macht unser Unternehmensportfolio vielfältiger. Unser Ziel ist es auf ganzer Linie in der Wertschöpfungskette aktiv zu sein: Wir arbeiten mit Windkraft, haben ein Transmissions- und Distributionsnetz und arbeiten mit Elektrolyse, um grünen Wasserstoff zu produzieren.“ Eine Herausforderung sieht Larfeldt in der Lieferung von grünem Wasserstoff. Wird es genug sein, um die Nachfrage 2050 decken zu können? „Ich glaube, dass der Weg über blauen Wassersoff sehr wichtig ist – dieser ebnet den Weg für grünen.“

Energieeffizienz weiterer wichtiger Baustein in der Dekarbonisierung der Industrie

Der Hauptfokus des WWFs liegt auf dem Naturschutz und der biologischen Vielfalt. Aus diesem Grund sieht die Umweltorganisation, im Webinar vertreten durch Erika Bellmann, Senior Advisor Climate & Energy bei WWF Deutschland, den effizienten Gebrauch von Energie und Ressourcen als sehr wichtig an in der Frage um die Dekarbonisierung der Industrie:
„Wir wissen, dass Kreislaufwirtschaft nicht allein zu Emissionsneutralität führt. Die direkte Elektrifizierung von industriellen Prozessen ist aufgrund der Energieeffizienz für uns die bessere Alternative. Allerdings ist dafür nicht ausreichend erneuerbare Energie zugänglich und das Potenzial in Zentral-Europa nicht groß genug, wenn Umweltaspekte mit einbezogen werden. Auf lange Sicht hat grüner Wasserstoff den geringsten Einfluss auf die Umwelt.“

Auf die Frage, ob blauer Wasserstoff eine Übergangslösung sein kann, antwortete Bellmann, dass es sicherlich notwendig sei CCS-Alternativen in Betracht zu ziehen. „Wir sind der Meinung, dass CCS für unumgängliche Emissionen in industriellen Prozessen nützlich sein kann. CCS für die Herstellung von Wasserstoff (CCS zusätzlich zu Dampfreformierung) zu benutzen, ist für uns allerdings keine gute Alternative. Denn soweit wir es verstehen, gehen die Emissionen dabei nicht auf null runter, sondern nur um rund 60 Prozent.“

CCS ist Thema des nächsten Webinars in Reihe des German-Norwegian Energy Dialogue. Das Webinar „Ramping up CCS in European Industry” findet am 19. August statt.

Übersetzung: Sarah Huesmann