Künstliche Intelligenz – Macht uns der Fortschritt arbeitslos?

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Eine Spiegel-Titelseite aus dem Jahr 1978 trägt die Überschrift „Die Computer-Revolution – Fortschritt macht arbeitslos“ und zeigt einen Roboter, der einen Arbeiter von seinem Arbeitsplatz in einer Fabrik wegträgt. 2016 konnte man auf einer Titelseite des gleichen Magazins ein ähnliches Bild mit einer Roboterhand sehen, die einen Geschäftsmann aus seinem Büro entfernt. Dazu stand dort die Überschrift: „Sie sind entlassen! Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen und welche Berufe morgen noch sicher sind“.

Beide Titelseiten und Überschriften des Spiegels verleihen der Angst Ausdruck, dass künstliche Intelligenz (KI) nach und nach unsere Arbeitsplätze übernimmt und den Menschen überflüssig macht – eine Angst, die aus unterschiedlichen Perspektiven äußerst real ist. In einem Bericht der Unternehmensberatung McKinsey über die Zukunft der Arbeit aus dem Jahr 2017 wird davon ausgegangen, dass innerhalb von 15 Jahren die Hälfte aller norwegischen Arbeitsplätze automatisiert wird, wenn Norwegen die Möglichkeiten wahrnimmt, die KI eröffnet. Ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2018, der sich mit dem Risiko auseinandersetzt, dass Arbeitnehmer in den Mitgliedsstaaten durch Roboter und andere Formen der Automatisierung ersetzt werden, geht dagegen davon aus, dass lediglich sechs Prozent der norwegischen Arbeitsplätze leicht automatisiert werden können. Derselbe Bericht kommt jedoch zu dem Schluss, dass sich aufgrund der KI-Technologie und der Automatisierung bei einem von drei norwegischen Arbeitsplätzen der Inhalt wesentlich verändern wird.

Die gute Nachricht ist, dass dank künstlicher Intelligenz und Automatisierung zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen und nicht zuletzt Zeit, die bisher für repetitive Arbeiten aufgewendet wird, für kreative Aufgaben und andere Menschen vorbehaltene Tätigkeiten frei wird.

Kerstin Bach, Privatdozentin am Institut für Datentechnologie und Informatik der NTNU

„Ich finde, es ist zu drastisch zu sagen, dass künstliche Intelligenz Arbeitsplätze vernichtet. Es ist wesentlich realistischer, dass die Technologie die heutigen Tätigkeiten verändern wird. Ich glaube, dass Datentechnologie und KI-Wissen zukünftig für einen Großteil der Arbeitsplätze relevant sein werden. Dabei erwarte ich eher eine Symbiose zwischen KI und dem Menschen als Konkurrenz“, erklärt Kerstin Bach, Privatdozentin am Institut für Datentechnologie und Informatik der NTNU.

Was ist KI und wozu dient sie?

Bach ist am Norwegian Open AI Lab der NTNU tätig, das Partner wie Telenor, DNV GL, Equinor, Kongsberg und DNB hat, die in ihren Unternehmen auf unterschiedliche Weise auf die KI-Technologie zurückgreifen.

„Je datenbasierter und repetitiver eine Aufgabe ist, desto größer ist das Potenzial, hierfür eine KI-Anwendung zu entwickeln“

Kerstin Bach, Privatdozentin am Institut für Datentechnologie und Informatik der NTNU

„Viele von ihnen verwenden Chatbots im Bereich des Kundenservices, die auf der KI-Technologie aufbauen, oder haben ein Team aus Datentechnologen, die Kundendaten analysieren, um ihren Service zu verbessern und proaktiver zu sein. Darüber hinaus sind die Beobachtung und Optimierung verschiedener technischer und mechanischer Operationen gute Beispiele für maschinelles Lernen. Grundsätzlich lässt sich Folgendes sagen: Je datenbasierter und repetitiver eine Aufgabe ist, desto größer ist das Potenzial, hierfür eine KI-Anwendung zu entwickeln“, so Bach.

Möglicherweise ohne darüber nachzudenken, nutzen die meisten von uns im Beruf und in der Freizeit Tag für Tag künstliche Intelligenz: Wir führen Google-Suchen im Internet durch, wir kaufen in Online-Shops ein, wir fragen einen Chatbot im Online-Banking, wir lassen Spammails aussortieren und wir legen den Daumen auf unser Smartphone, um es zu entsperren. Aber was ist künstliche Intelligenz eigentlich?

Vereinfacht gesagt, besteht KI aus Datensystemen, die sich von der gewöhnlichen Programmierung dahingehend unterscheiden, dass sie in der Lage sind, zu lernen und auf Grundlage großer Datenmengen intelligente Entscheidungen zu treffen. Automatisierte Programme oder KI können viele Aufgaben wesentlich besser ausführen als der Mensch – die Technologie benötigt keinen Schlaf, hat keinen schlechten Tag bei der Arbeit und lässt sich nicht ablenken. Beispielsweise sind autonome Autos vom Grundsatz her viel sicherer als Autos mit menschlichen Fahrern.

In der Regel wird zwischen drei verschiedenen Stufen der künstlichen Intelligenz unterschieden. Vorläufig wird künstliche Intelligenz im Bereich der ersten Stufe entwickelt, diese wird spezialisierte KI genannt. Einige auf dieser Stufe verwendete Technologien sind maschinelles Lernen, Expertensysteme oder neurale Netzwerke. Spezialisierte KI wird programmiert, um eine Aufgabe zu lösen: Ein KI-System kann ein Auto fahren, ein anderes kann Krebs diagnostizieren, ein drittes kann Sprache erkennen. Die zweite Stufe, generelle KI, verfügt über eine Intelligenz auf dem Niveau eines Menschen, Forscher und Entwickler erwarten jedoch, dass noch mehrere Jahrzehnte vergehen werden, bis diese Stufe erreicht sein wird. Künstliche Superintelligenz ist die letzte Stufe und vorläufig eine Zukunftsvision, diese Stufe entspricht also einer Superversion eines Menschen.

Großes Potenzial im Gesundheitsbereich

Saba Mylvaganam, Professor am Institut für Elektronik, IT und Cybertechnik an der Universitetet i Sørøst-Norge (Universität in Südost-Norwegen) sieht das größte Potenzial für KI im Bereich Assisted Living. Ihm zufolge leben immer mehr Senioren weltweit allein, dementsprechend steigt auch ihr Bedarf an Unterstützung zu Hause oder in ihrer Umgebung. Mylavaganam betont, dass es mit dem Einsatz von Humanoiden (menschenähnlichen Robotern, Anm. d. R.), speziell für das Gesundheitswesen entwickelten Sensoren, und dem Potenzial des Internets der Dinge normal werden wird, dass ältere oder kranke Menschen in ihrer eigenen Umgebung und nicht mehr zwangsläufig in speziellen Einrichtungen betreut werden.

„Ein wichtiger Punkt ist, zu verstehen, dass KI nicht als Ersatz von Ärzten, sondern vielmehr als effektives Werkzeug gesehen werden muss.“

Michael Riegler, Senior Research Scientist bei SimulaMet

„Hier wird KI eine wichtige Rolle spielen. Algorithmen unterstützen die Patienten im Alltag, sie erkennen gefährliche Situationen wie Stürze, epileptische Anfälle, demente Personen, die sich von ihrem Zuhause entfernen, nicht normales Verhalten – zum Beispiel, dass jemand nicht aufsteht – sowie akute medizinische Situationen. Die gleichen Algorithmen können dazu genutzt werden, Mitarbeiter im Gesundheitswesen mit Push-Benachrichtigungen über tragbare Geräte zu alarmieren. Einige dieser KI-Techniken werden bereits in Japan, den USA, Australien, EU-Staaten und Norwegen genutzt“, erklärt Mylvaganam.

Die KI-Technologie bietet große Potenziale, den Gesundheitssektor effektiver zu gestalten, sodass für Pflegemitarbeiter und medizinisches Personal mehr Zeit für andere Aufgaben übrigbleibt. Aber auch wenn Roboter Einzug in die Pflege gefunden haben, werden dort weiterhin menschliche Hände benötigt werden. Norwegen hat in den nächsten Jahren tatsächlich einen erhöhten Bedarf an Pflegepersonal.

„Mit KI im Gesundheitswesen können wir nicht nur Ressourcen einsparen, sondern auch die Behandlungen verbessern. Ein wichtiger Punkt ist, zu verstehen, dass KI nicht als Ersatz von Ärzten, sondern vielmehr als ungemein effektives Werkzeug gesehen werden muss“, so Michael Riegler, Senior Research Scientist bei SimulaMet.

Norwegen macht Tempo

Riegler ist Mitglied der AI-Gruppe für Medizin des Technologierates und berichtet, dass dies einer der Bereiche ist, in denen man in Norwegen die größten Fortschritte bei der AI-Technologie gemacht hat. Heute können wir zum Beispiel mit Hilfe künstlicher Intelligenz, die auf Bilderkennung zurückgreift, bei Krebstumoren den Krankheitsverlauf voraussagen und bösartige Muttermale erkennen. In solchen Situationen führt KI zu einer geringeren Fehlermarge. Der Technologierat benennt den Gesundheitssektor auch als einen der Bereiche, auf den Norwegen setzen sollte.

„Norwegen hat nicht die Voraussetzungen, um in allen Bereichen auf künstliche Intelligenz zu setzen, kann aber bei der Verbindung von Fachwissen mit allgemeinem Wissen über KI weltweit führend werden. Norwegen muss auf die Bereiche setzen, in denen wir eine Kombination aus guten Trainingsdaten und einem umfassenden gesellschaftlichen Bedarf haben, wie bei der Gesundheit, öffentlichen Leistungen, nachhaltiger Energie und einem sauberen Meer, heißt es im Bericht des Rates zu KI aus dem Jahr 2018, in dem zudem die Regierung aufgefordert wird, eine KI-Strategie zu entwickeln.

Diese Strategie wird derzeit erarbeitet und soll noch im Laufe des Jahres 2019 vorgestellt werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Entwicklung in Norwegen bereits in vollem Gange ist.

„Wir beobachten einen allgemeinen Trend der norwegischen Industrie, dass immer mehr Forschungsteams und Abteilungen mit Fokus auf KI aufgebaut werden, um die Erforschung interner Datensätze sowie den Wissensaufbau auf diesem Feld zu ermöglichen. In Norwegen werden derzeit einzigartige Datensätze erforscht – vom Gesundheitswesen bis zum Finanzsektor, von der Aquakultur bis zu erneuerbaren Energien – und genau dort zeigen sich die Stärken von KI. Im Gesundheitswesen ermöglicht dies beispielsweise die Arbeit mit personalisierter Medizin und verbesserten Pflegemöglichkeiten sowohl in der primären als auch in der sekundären Gesundheitsversorgung“, berichtet Kerstin Bach von der NTNU.