Norwegisches Gründerduo bereit für den deutschen Markt

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André Fenger und Fabian Damhaug sind in der norwegischen Gründerszene keine unbekannten Namen. Beide haben jahrelange Erfahrung im Immobilienbereich, und Fenger hat bereits zwei Start-ups verkauft. Als sich die beiden in Norwegens größtem Technologie-Gründerzentrum StartupLab begegneten, entstand die Idee zu Overo. Jetzt wollen die beiden einen Beitrag zur Digitalisierung der deutschen Immobilienbranche leisten.

Welchen Beitrag kann Overo leisten?

Fenger: Wir haben ein digitales Übergabeprotokoll für den Ein- und Auszugsprozess entwickelt, eingebettet in einen perfekt abgestimmten Marktplatz. Wir unterstützen Menschen bei einem sicheren Umzug in ihre neue Wohnung. Hierzu gehören der Abschluss von Versicherungen sowie von Verträgen für Strom, Fernsehen und WLAN, außerdem Umzugsleistungen wie Möbeleinlagerung und Umzugsreinigung. Ein Umzug kann ziemlich stressig sein. Wenn es uns gelingt, das gesamte Erlebnis mit unserer Webanwendung zu verbessern, haben wir viel erreicht.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Damhaug: Vor fünf Jahren haben wir uns im StartupLab getroffen, wo André auch sein Büro hatte. Neugierig, wie ich bin, habe ich mich ein bisschen in den verschiedenen Etagen umgesehen und gefragt, was die Leute so machen. Eine Freundin, die in Andrés Unternehmen tätig war, hat uns vorgestellt. Bei einem Mittagessen hat André dann irgendwann erzählt, dass er sein Unternehmen verkauft hatte und etwas Neues machen wollte. Am nächsten Tag begannen wir mit der Entwicklung von Overo.

Woher kommt der Name Overo?

Fenger: Als wir am ersten Tag zusammensaßen, kamen wir spielerisch auf Overo als Arbeitstitel, weil wir uns ja mit der Übergabe beschäftigten. Bei einem Briefing mit dem Designer für die Lösung erfuhren wir, dass Overo laut Google bei Pferden die weiße Scheckung meint. Da es um eine White-Label-Lösung geht, fand der Designer den Namen sehr passend. Deswegen blieb es dann bei Overo.

„Norwegen ist das perfekte Testland, hier konkurrieren wir auf einem extrem digitalen Markt. Wenn wir hier Erfolg haben, ist das eine Bestätigung für unser Konzept.“

Fabian Damhaug

Overo wurde zuerst in Norwegen eingeführt?

Damhaug: Das stimmt, die Lösung wurde am 25. Mai präsentiert. Für uns ist es natürlich, unsere Basis hier zu Hause in Norwegen zu haben. Unser Ziel ist es aber, weit nach Europa, in die USA und auf andere Weltmärkte zu gelangen. Derzeit arbeiten wir an der Einführung in Finnland. Es sind aber auch Gespräche mit Unternehmen in Italien, Portugal, in der Schweiz und Deutschland geplant. Wir gehen Schritt für Schritt vor und hoffen einfach, dass es so gut funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.

Ist es ein Vorteil, ein Unternehmen in Norwegen zu gründen?

Fenger: Ja, es gibt zwei Aspekte, die für Gründer in Norwegen sehr vorteilhaft sind. Zum einen sind Norweger bei der Nutzung von digitalen Lösungen weltweit führend. Viele Länder orientieren sich an Norwegen, und in der PropTech-Branche, in der wir tätig sind, liegen wir auch ziemlich weit vorne. Wir glauben, dass Corona dazu führen wird, dass viele Länder noch stärker auf Digitalisierung setzen werden, um effizienter zu arbeiten. Das öffnet Türen für den Export von technischen Innovationen.

Damhaug: Der andere Aspekt ist, dass Norwegen das perfekte Testland ist. Hier konkurrieren wir auf einem extrem digitalen Markt. Wenn wir hier Erfolg haben, ist das eine Art Bestätigung für unser Konzept, und wir können an diese Erfahrung anknüpfen. Nur wenige in Norwegen wagen internationale Vorstöße, aber wir haben keine Angst, unser Produkt ins Ausland zu bringen, solange wir es testen, an den Markt anpassen und nicht zuletzt die Trends verfolgen.

Warum ist Deutschland ein attraktiver Markt?

Fenger: In Deutschland ziehen jedes Jahr mehr als 4,2 Millionen Haushalte um, in Norwegen sind es im Vergleich „nur“ 125 000. Untersuchungen zeigen, dass die Sensibilisierung für digitale Technologien und Investitionen in Digitalisierungsmaßnahmen in Deutschland zunehmen. Deswegen glauben wir, dass das Land für unsere Technologie reif ist.

Damhaug: Wir möchten bei der ersten Digitalisierungswelle in diesem Bereich in Deutschland dabei sein. Derzeit findet die Übergabe häufig mit Papier und Stift statt – das ist keine sichere Bereitstellung einer so kostbaren Ware. Einen Vertrag digital zu haben, halten wir im Jahr 2020 für unentbehrlich. Wir wissen, dass Deutsche Veränderungen gegenüber etwas skeptisch sein können. Deswegen sehen wir unsere Aufgabe darin, dem deutschen Markt zu erklären und nahezubringen, was digitale Lösungen leisten können, und wie die nächsten fünf bis zehn Jahre in dieser Branche aussehen werden. Vor fünf Jahren war die digitale Übergabe in Norwegen noch kein Thema – heute wird keine einzige Immobilie mehr ohne digitale Dienste vermietet oder verkauft.

Wann ist es ratsam, mit einer digitalen Lösung wie Ihrer einen neuen Markt zu betreten?

Damhaug: Der richtige Zeitpunkt ist jetzt. Ich glaube, dass die Krise die Digitalisierung in vielen Ländern beschleunigt. Unsere Lösung macht einen persönlichen Termin zur Übergabe einer Immobilie überflüssig. Der gesamte Prozess kann über das Telefon von zu Hause abgewickelt werden, das wird künftig ein wichtiger Punkt sein. Außerdem ist die Lösung zukunftsorientiert. Wir glauben, dass immer stärker auf digitale Lösungen zurückgegriffen wird, da sie als zeit- und kostensparend erlebt werden.

„Wir glauben, dass Corona dazu führen wird, dass viele Länder noch stärker auf Digitalisierung setzen werden. Das öffnet Türen für den Export von technischen Innovationen.“

Fabian Damhaug

Es gibt einige vergleichbare Lösungen in Deutschland. Was ist Ihr USP?

Fenger: Zum einen braucht der Benutzer keine App herunterzuladen, sondern erhält einen Link zur Webanwendung. Zum anderen verbinden wir uns mit dem CRM-Systems des Maklers, sodass Metadaten verfügbar sind und der Benutzer Daten zu seiner Person und dem Objekt nicht mehr eingeben muss. So können Objekte auf eine Weise vermarktet werden, die mehr Wertschöpfung für den Kunden bietet. Ausgehend von der Objektgröße können wir beispielsweise einen Preis für eine Umzugsreinigung anbieten. Overo ist eine White-Label-Lösung: Es sieht also so aus, als würde der Makler alle Leistungen anbieten, was dem Endkunden Sicherheit vermittelt.

Damhaug: Wir richten uns nicht an Mieter oder Käufer, sondern an Makler, Bauherrn, private und kommunale Wohnbaugesellschaften. Overo ermöglicht ihnen, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, indem die Lösung sicherstellt, dass alle Regeln und Vorschriften bei der Übergabe eingehalten werden.

Welche Herausforderungen gibt es beim Markteintritt in Deutschland?

Damhaug: Neben der Einstellung gegenüber der Digitalisierung besteht eine Herausforderung darin, physisch vor Ort zu sein, und sich die ganze Zeit über den richtigen Preis und Marktkanal auf dem Laufenden zu halten, damit wir die besten Angebote machen können. Über die AHK Norwegen haben wir die gegenwärtige Marktsituation analysieren lassen und sind mit potenziellen Kooperationspartnern in Kontakt gekommen. In der Einführungsphase hat es eine Bedeutung, wer an die Tür klopft. Deshalb ist es ein Vorteil, dass die Handelskammer eine bekannte Organisation auf dem deutschen Markt ist. Darüber hinaus ist es ein Vorteil, Deutsch sprechen zu können, da es sofort mehr Vertrauen schafft, wenn man die Sprache beherrscht. Wir möchten die Zusammenarbeit so lange wie möglich weiterführen, und sind mit der Handelskammer als Partner äußerst zufrieden.

Wann wird Overo in Deutschland eingeführt?

Fenger: Das Ziel ist ein Vertragsabschluss mit einem Kunden in Deutschland im Jahr 2020. Es geht darum, den richtigen ersten Kunden zu finden, der sich traut, in unsere Lösung zu investieren und den Wert von effizienteren Prozessen sieht. Wir hoffen, dass die Makler diese Lösung als neue Einnahmequelle sehen, indem sie durch jeden Verkauf, der über die Plattform erfolgt, Provision erhalten.

Unter normalen Umständen wären Sie nach Deutschland gereist, um Geschäftskontakte zu knüpfen?

Damhaug: Wir haben derzeit täglich zwischen sechs und acht Videomeetings, und erleben das als sehr effektiv und kosteneffizient. Man büßt vielleicht ein wenig den sozialen Aspekt ein – und wenn uns eines am Herzen liegt, dann der Aufbau von starken Beziehungen mit den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Deutschland?

Damhaug: Mit unseren bisherigen Unternehmen hatten wir beide Niederlassungen in Deutschland, André in Hamburg und ich in Berlin. Wir finden es ein unglaublich spannendes Umfeld, insbesondere Berlin ist eine der Tech-Hauptstädte in Europa. Ein Funfact zum Schluss: Meine Mutter hat in Deutschland studiert, war mit einem Deutschen verheiratet und tatsächlich in einigen Folgen der Fernsehserie Derrick dabei.