Pricing Analyst – Unterwegs mit der Etikettiermaschine

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„Bitte stellen Sie sich doch einmal vor und erklären Sie uns, was Sie beruflich tun, als wären wir eine Gruppe von Kindern!“, war einmal die Aufgabe, in der ich der Zuhörerschaft einer professionell ziemlich bunten Mischung mein Berufsbild erläutern sollte. Vorbereitungszeit: Null Sekunden. Nach kurzem Schock fiel mir glücklicherweise Herr Rabenhorst ein. Mit Herrn Rabenhorst wollte ich als Kind bei jedem Supermarktbesuch tauschen. Er hatte nämlich immer eine Etikettiermaschine in der Hand, mit der er durch die Regale streifte und auf jede Dose Mais und jedes Glas Gurken einen kleinen Aufkleber setzte. Das Preisschild. „Und so etwas in der Art mache ich“, schloss ich meine Ausführungen. Zustimmendes Nicken, alle fanden die Geschichte schön. Einige erinnerten sich offenbar an diese heutzutage altertümlichen anmutenden Schildchen. Aber einige fragten mich in der Pause, was ich den nun wirklich mache. Da war sie wieder: diese eine Frage. Eigentlich hatte ich noch während der Vorstellungsrunde beschlossen, nie wieder „Pricing Analyst“ oder „Portfolio Manager“ zu benutzen, musste aber einsehen, dass sich dies auf Dauer nicht völlig umgehen lässt. Nun arbeite ich glücklicherweise bei Gard AS, dem weltweit größten Schiffsversicherer. Da ist das Anschauungsmaterial sehr plastisch und das Thema nicht ganz so trocken. Dass ein mittelgroßer Massengutfrachter mehr Risiko darstellt als eine kleine Fähre, ist vielleicht noch jedem offensichtlich. Aber wie sieht es mit einem kleinen Tanker aus oder einem großen Containerschiff? Und wenn diese schon ein höheres Risiko darstellen: Wieviel ist das? Welches Etikett kommt dann auf „die Dose“?

Die Antwort kostet leider etwas mehr als der Druck auf die Maschine: Einige Semester Ökonometrie, das Erlernen einer Programmiersprache und ausgiebige Analysearbeit von Statistiken sollte man bereit sein zu investieren. Obgleich diese Berufsbilderklärung die meisten Zuhörer eher ermüdet oder abschreckt, ist der Beruf des Pricing Analysten hingegen wunderbar vielseitig: Das Quantifizieren von Wirkungszusammenhängen lässt sich theoretisch auf alle Bereiche des Lebens ausweiten. Wie wirkt sich ein Euro mehr für meine Marketingkampagne (für z. B. das Reiseland Bayern) auf die zu erwartende Nachfrage (von z. B. Hotelbelegungen) aus? Sollte ich lieber zehn statt fünf Kilometer joggen, weil es besser ist für meine Gesundheit? Oder sind italienische Schiffskapitäne nun tatsächlich schlechter als finnische? Praktisch und theoretisch kann man hier also ganz viele spannende Fragen beantworten.

Die Zukunft dieses Berufs ist allerdings ungewiss: Künstliche Intelligenz, Deep Learning Algorithmen und neurale Netzwerke werden immer leistungsstärker und auch besser darin, Zusammenhänge zu erkennen und Entscheidungen vorzuschlagen – oder gar zu treffen. Da wir allerdings noch am Anfang dieser Entwicklung stehen, und in der Zwischenzeit nach wie vor Schiffe kollidieren oder untergehen, werde ich weiterhin mit meiner Etikettiermasche unterwegs sein.

Veith Huesmann, Pricing Analyst, Gard AS