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Vor einigen Tagen hat die größte norwegische Interessenorganisation für Unternehmen (NHO) ihr jährliches Kompetenzbarometer veröffentlicht, das den aktuellen Fachkräftebedarf ihrer Mitgliedsunternehmen abbildet: Daraus geht hervor, dass das Handwerk das gefragteste Fachgebiet ist, und bei sechs von zehn Unternehmen ein nicht gedeckter Kompetenzbedarf besteht.

An der diesjährigen Umfrage nahmen 6 669 Mitglieder teil – so viele wie noch nie. Zu den Disziplinen, in denen es in den meisten Unternehmen an Fachkompetenz fehlt, werden neben dem Handwerk (52 Prozent) das Ingenieurwesen sowie technische Fächer (45 Prozent) benannt. Während der Bedarf an gut ausgebildeten Handwerkern seit 2015 relativ stabil geblieben ist, stieg der Bedarf an Ingenieuren und Technikern in diesem Zeitraum um vier Prozentpunkte.

Obwohl sich der Anteil der Unternehmen mit einem bestehenden Kompetenzbedarf in den Jahren seit Umfragebeginn (2014-) mit rund sechs von zehn Unternehmen kaum verändert hat, ist der Anteil der Unternehmen mit einem „weitgehend“  nicht gedeckten Kompetenzbedarf von rund sieben auf zehn Prozent gewachsen.

Das aktuelle Kompetenzbarometer enthält erstmals Fragen zur Einstellung der Lehrbetriebe gegenüber Auszubildenden sowie einen Abschnitt zur Zusammenarbeit von Unternehmen mit Universitäten und Hochschulen.

„Wir müssen uns ständig weiterbilden.“

Die norwegische Ministerin für Forschung und Bildung, Iselin Nybø (H), war am 26. September bei der Veröffentlichung des Kompetenzbarometers vor Ort. In ihrer Rede betonte sie, wie wichtig es sei, die Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Ausbildung zu stärken. Die Tatsache, dass laut Umfrage ungefähr ein Viertel aller NHO-Unternehmen in den letzten fünf Jahren mit einer Universität oder einer Hochschule zusammengearbeitet hat, bewertete sie positiv, wenngleich die Zusammenarbeit der Akteure auch weiterhin verstärkt werden müsse.

„Ein Berufsleben, das sich ständig verändert, bedeutet, dass auch wir uns ständig weiterbilden müssen“, sagte Nybø und verwies auf die für das Jahr 2020 geplante Kompetenzreform unter dem Motto „Ein Leben lang lernen“. Im Rahmen dieser Initiative unterstützt die norwegische Regierung unter anderem Berufsschulen, Universitäten und Hochschulen mit 6,7 Millionen Euro bei der Entwicklung flexibler Ausbildungsprogramme in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

Laut Nybø wird dieses Vorhaben dazu beitragen, Innovation und Unternehmertum in der Wirtschaft zu stärken. Auszubildende mit Gründerambitionen sollen in die Lage versetzt werden, ihre Ideen weiterzuentwickeln und zu realisieren, und Unternehmen sollten für diese Ideen offen sein. Die Ministerin führte ebenfalls an, dass Unternehmen ihren Kompetenzbedarf deutlich kommunizieren müssen, damit sich Ausbildungseinrichtungen schneller an deren Bedürfnisse anzupassen können, als es heute der Fall ist. Sie forderte die Unternehmen dazu auf, Berufsschüler aktiv in ihre Geschäftstätigkeiten einzubinden. „Wir wollen, dass Auszubildende besser auf das Berufsleben vorbereitet sind. Wie kann die Wirtschaft dazu beitragen? Können Unternehmen beispielsweise Praktika anbieten, Fallbeispiele vorstellen oder Vertreter als Gastdozenten an Ausbildungseinrichtungen entsenden?“

Nybø erinnerte die anwesenden Unternehmensvertreter auch daran, dass es ihre Aufgabe sei, für die neue Azubi-Generation ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Diese Generation sorge sich um das Klima und Nachhaltigkeit und wolle in Unternehmen arbeiten, die zukunftsorientierte Lösungen entwickeln – und nicht Teil des „Problems“ sind.

Neuer Strukturplan für berufliche Ausbildung

Laut Umfragewerten bildet die Hälfte der NHO-Mitgliedunternehmen Lehrlinge aus. Dennoch gaben mehr als 40 Prozent an, dass trotz Fachkräftemangel keine Auszubildenden eingestellt wurden. Als Gründe wurden fehlende soziale und praktische Fähigkeiten sowie hohe Fehlzeiten angegeben. Gleichzeitig meldete rund ein Viertel der Lehrbetriebe, dass sie keine für ihren Bedarf qualifizierten Auszubildenden rekrutieren konnten.

„Immer mehr Schüler entscheiden sich für berufsbildende Fächer. 2018 hat eine Rekordzahl der Berufsschüler eine Zusage für einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen erhalten. Aber wir brauchen noch viel mehr. Es ist besorgniserregend, dass 40 Prozent der Unternehmen angeben, trotz freier Lehrstellen keine Auszubildenden eingestellt zu haben“, sagte Nybø.

Nybø berief sich bei der Frage, wie die praktischen Fähigkeiten von Auszubildenden gestärkt werden könnten, auf die bereits angestoßene Veränderung der beruflichen Ausbildung. Im kommenden Herbst wird Schülern unter anderem die Möglichkeit zur frühzeitigen Spezialisierung geboten, und in den berufsbildenden Richtungen finden sich neue praxisnahe Ausbildungsinhalte, die sich am zukünftigen Arbeitsalltag orientieren. Ziel ist es, die Schüler für eine Ausbildung oder Studium sowie für den Berufseinstieg bestmöglich zu wappnen.

Das vollständige Kompetenzbarometer lesen sie hier (norwegisch).

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