Norwegens und Europas zukünftige Energieversorgung

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Wir haben kürzlich einen Morgenkaffee mit Carl-Jørgen Greidung, Cormmercial Manager bei Statnett und Vorstandsmitglied der AHK Norwegen, getrunken. Der norwegische Systemoperateur arbeitet täglich daran, mithilfe eines stärkeren und intelligenteren zentralen Netzes das Stromnetz der Zukunft zu entwickeln, sowie Norwegen noch besser mit Europa zu verbinden.

Statnett ist in Norwegen für das Stromnetz zuständig und betreibt das mehr als 11 000 Kilometer umfassende nationale Übertragungsnetz. Der Betreiber gewährleistet die Versorgungssicherheit und sorgt für ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch. Statnett trägt in Norwegen zudem die Verantwortung für den Austausch mit anderen Stromnetzen, beispielsweise via NordLink – das Kabel, das den norwegischen und deutschen Strommarkt miteinander verbindet, wird ab 2021 betriebsbereit sein.

„Rentabilität und Versorgungssicherheit sind Schlüsselwörter für das NordLink-Kabel und dessen Bedeutung für die Stromversorgung. Norwegen befindet sich in einer einzigartigen Situation, da wir Wasserkraft in den Stauseen speichern können. Die Kombination mit dem von aktuellen Bedingungen abhängigen Energiemix auf dem Kontinent, bietet eine erhöhte Versorgungssicherheit. Mit NordLink können wir Strom importieren, wenn er billig, ist und exportieren, wenn er teuer ist. Dies erhöht die Wertschöpfung für Norwegen, da wir mehr für den Strom zurück bekommen, wenn wir einen Überschuss haben“, sagt Greidung.

Greidung betont, dass das Kabel auch für Deutschland Vorteile mit sich bringt: Es erhöht die Produktion und den Verbrauch erneuerbarer Energien in beiden Ländern und trägt so zu einem klimafreundlicheren Energiesystem bei.

Herausforderung für das zentrale Netz

Stromkabel zwischen Ländern stellen gewisse Anforderungen an das Übertragungsnetz, mit NordLink sind zwei verschiedene Netzsysteme zusammengeschlossen. Was ist hier der Unterschied zwischen Norwegen und Deutschland?

„Der Energiemix in Norwegen und Deutschland ist sehr unterschiedlich. Norwegen kann die Wasserkraft leicht regulieren, Deutschland hat eher einen direkten Windenergieverbrauch. Norwegen hat mit Statnett einen Netzregulierungsbetreiber, der eine langfristige Strategie für das gesamte Land ermöglicht. In Deutschland gibt es vier große Netzbetreiber, was ein einheitliches Vorgehen für das gesamte Land erschwert.“

Die Übertragung des Stroms von der Produktion in Norddeutschland zum Verbrauch im Süden des Landes gestaltet sich derzeit als große Herausforderung in Deutschland, so Greidung weiter. Der Netzbetreiber Tennet will dieses Nadelöhr mithilfe des Suedlink-Projektes beheben.

„Für NordLink ist es ein Problem, dass es in Deutschland keine ausreichend gute Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden gibt. Solange es nicht möglich ist, den Strom in den Süden Deutschlands – wo er benötigt wird – weiter zu leiten, können wir das Kabel nicht so nutzen, wie wir es gern tun würden.“

Deutschland und Norwegen haben jetzt eine Mindestkapazität für NordLink vereinbart. Gemäß den europäischen Vorschriften müssen bis Ende 2025 mindestens 70 Prozent der Kapazität des Kabels für den grenzüberschreitenden Stromhandel nutzbar sein.

„Wir hatten erwartet, dass wir das Kabel stärker nutzen würden, haben uns aber jetzt auf ein Steigerungsmodell geeinigt, bei dem uns im ersten Jahr etwa zwölf Prozent der Gesamtkapazität garantiert werden. Diese wird bis 2025 jedes Jahr um rund zwölf Prozent erhöht werden. Möglicherweise nutzen wir das Kabel auch in vollem Umfang, zugesichert wurde uns jedoch diese Mindestkapazität,“ so Greidung.

Die Zukunft ist elektrisch

Statnett veröffentlicht in den kommenden Tagen einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass eine Steigerung der Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen von 30 bis 40 TWh zu einer Halbierung der Klimaemissionen führen kann. „Der zukünftige Stromverbrauch steht ganz oben auf der Agenda von Statnett. Wir müssen die erneuerbare Produktion fördern, vor allem die Windenergie, zum Beispiel durch die beiden jetzt freigegeben Gebiete in der Nordsee. Es geht aber auch darum, die Energieproduktivität zu steigern, das heißt mehr Ertrag pro kWh zu schaffen, denn wir sehen, dass der Verbrauch erneuerbarer Energien weitaus effizienter ist als der Verbrauch fossiler Energie. Berechnungen zeigen, dass sie 95 TWh Fossil durch 40 TWh erneuerbare Energie ersetzen können“, sagt Greidung.

Statnett unternimmt große Anstrengungen, um das norwegische Zentralnetz zu stärken, der zunehmenden Elektrifizierung Rechnung zu tragen, und Norwegen über die in den letzten Jahren verlegten Kabel mit Europa zu verbinden, so Greidung weiter. „Heute verzeichnen wir einen Verbrauch von etwa 140 TWh. Es ist wahrscheinlich, dass wir uns bis 2050 einem Verbrauch von 200 TWh nähern werden. Wir arbeiten daher kontinuierlich daran, alternativ zu denken, und unser Netzwerk intelligenter zu gestalten.“