Schlechte Ausrüstung in vielen norwegischen Berufsschulen

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Vor kurzem organisierte die AHK Norwegen ein Webinar zum Ausrüstungsbedarf in der Ausbildung für industrielle Berufe mit Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit mit Deutschland. Teilnehmer waren norwegische Vertreter aus Politik, Bildung und Wirtschaft sowie deutsche Lieferanten mit Ausrüstungslösungen für die Berufsausbildung und lebenslanges Lernen.

In einer kürzlich vom norwegischen Bildungsverband, Utdanningsforbundet, veröffentlichten Umfrage, gaben vier von zehn Berufsschullehreren an, dass es an entsprechender Ausrüstung für die Auszubildenden fehlt. In den technischen und industriellen Fächern sowie im Bereich Elektrotechnik und IT sieht mehr als die Hälfte der Befragten ein Defizit. Turid Kristensen, Sprecherin für Forschung und Hochschulbildung bei der Partei Høyre sowie Mitglied im Bildungs- und Forschungsausschuss des Parlaments, ist von den Ergebnissen nicht überrascht. Sie begann ihre Rede mit der Feststellung, dass es im Jahr 2035 an 90 000 Fachkräften fehlen werde, wenn nichts gegen die ernste Lage in der norwegischen Berufsausbildung unternommen wird.

„Ein Thema, das bei meinem Besuch der verschiedenen Berufsschulen und Lehrbetriebe in Norwegen am häufigsten angesprochen wurde, ist genau, dass sie nicht über die benötigte Ausrüstung verfügen. Das ist für Lehrkräfte und Auszubildende ziemlich belastend.“

Kristensen betonte, dass die Situation von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich sei, und dass es einigen bereits gelungen sei, die Ausrüstungssituation durch gezielte Investitionen zu verbessern.

„Das Projekt K-Tech, bei dem die Lehre von Schülern mit berufsbildenden Fächern in den Kongsberg Industripark verlegt wurde, hat sehr gute Ergebnisse erzielt und das finde ich sehr beeindruckend. Gleiches gilt für die Lehrwerkstatt in Raufoss oder die Zusammenarbeit von Unternehmen und Berufsschulen, zum Beispiel in der Region Sunnhordaland. Mein Gesamteindruck ist jedoch, dass die Ausrüstung in vielen Schulen mangelhaft ist.“ 

Während ihres Beitrags wurde unter den Teilnehmern des Webinars abgestimmt, ob sie die Ausrüstung an ihrer Schule als zu schlecht empfinden. 75 Prozent antwortet darauf mit „mäßig“ oder „weitgehend“. 

„Das bestätigt die Annahme, dass die Situation vielleicht noch schlimmer ist, als aus der Umfrage des Bildungsverbandes hervorgeht“, kommentierte Kristensen.    

Unterstützung von Staat und Wirtschaft soll Problem lösen

Einer der Vorschläge von Høyre zur Verbesserung der Situation in den Berufsschulen besteht darin, ein Programm einzuführen, bei dem der Staat den von der Wirtschaft geleisteten Beitrag ebenfalls investiert. Kristensen erzählte, dass der norwegische Unternehmerverband (NHO) eine solche Ordnung positiv sehe.

„Um erfolgreich zu sein, ist es wichtig, dass Unternehmen ein Investment dieser Art mittragen. Ebenso wie NHO glaube ich, dass wir diesen Weg gehen müssen – es ist zumindest ein Weg zum Ziel.“   

47,4 Prozent der Teilnehmer meinten, dass es genau eine solche Lösung braucht. 42,1 Prozent bewerteten den Vorschlag positiv, sind jedoch der Ansicht, dass nicht genügend Mittel vorhanden sind. Von den Teilnehmern kam der Vorschlag eines Ausrüstungstrailers, wofür es in Deutschland mehrere Beispiele gibt.

„Wir brauchen verschiedene Maßnahmen, um eine gute Ausrüstungssituation für die berufsbildenden Fächer zu erreichen. Dies ist eine Lösung, die wir uns näher anschauen. Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Berufsschulen von einem Ausrüstungstrailer oder einer anderen mobilen Lösung profitieren können. Daher habe ich dies als Vorschlag für unser Parteiprogramm für die nächste Wahlperiode eingereicht, und wir haben dies auch als Maßnahme im Staatshaushalt für 2021 aufgenommen. Ich freue mich sehr, an einer Studienreise nach Deutschland teilzunehmen, um herauszufinden, wie es dort funktioniert. Das steht schon seit einiger Zeit auf meiner Agenda, und wir werden darüber sprechen, sobald es die Situation wieder zulässt“, so Kristensen. 

Deutschland als Partner in der Berufsausbildung 

Deutschland ist für sein duales Berufsbildungsmodell bekannt, das eine enge und frühzeitige Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen und Industrie ermöglicht. Die Elemente dieses Modells sind zu einer Exportware geworden, die von der staatlich initiierten Netzwerkplattform iMOVE bereitgestellt wird. Darüber können internationale Akteure deutsche Partner für verschiedene Fachbereiche finden, die eine berufliche Ausbildung entweder in Form von Ausrüstung oder Dienstleistungen anbieten und so die Kompetenz von Lehrkräften und Auszubildenden stärken.

„Sobald der Bedarf definiert ist, wird man auf der Plattform fast immer eine Dienstleistung, Schulung oder die passende Ausrüstung finden“, sagt Hanna Goeser, Regional Manager Europe, Asia von iMOVE. 

Dr. Dominik Rohrmus, CTO von Labs Network Industrie 4.0, präsentierte konkrete Beispiele aus Deutschland zum Einsatz von Industrie 4.0 in der Berufsausbildung. Er verwies unter anderem auf eine Industrie-4.0-Kampagne, die ein Unternehmen in Zusammenarbeit mit der IHK Hannover intern gestartet hat: Eine Mitarbeiterteam hatte eine Industrie-4.0-Schulung absolviert, die sie dazu befähigt, das Know-how anderen Mitarbeitern im Unternehmen weiterzuvermitteln.

In einem anderen Anwendungsbeispiel nutzen Auszubildende die Trainings- und Lernplattform „Schul-Cloud“, um Entwicklung und Codierung zu lernen. Die Idee ist, dass Auszubildende die Anwendung genauso programmieren, wie sie sie benötigen.

„Industrie 4.0 ist der Schlüssel zum Erfolg. Daher müssen wir die Technologie in unsere Berufsausbildung integrieren. Dass die Lösungen existieren, haben wir heute bei den Präsentationen der deutschen Lieferanten gesehen. Wir müssen unsere wertvollen Fachkräfte ausbilden, weiterbilden und vermitteln, dass die Digitalisierung der industriellen Produktion eine positive Entwicklung ist.“

Industrie 4.0 in Norwegen 

Rohrmus nannte das Manufacturing-Technology-Zentrum in Raufoss als eines der Zentren, die sich auf die Industrie-4.0-Technologie in der industriellen Produktion spezialisiert haben. Das Zentrum wurde auch in der Präsentation von Kristensen als Best Practice in der Berufsausbildung erwähnt. Es wird von SINTEF Manufacturing betrieben, das durch Forschungsleiter Odd Myklebust vertreten war. 

„Das Zentrum befindet sich im Norwegian Catapult Center in Raufoss mit mehreren Minifabriken, oder Testeinrichtungen, und soll sicherstellen, dass die Industrie die erforderliche Kompetenz erhält. Wir erfassen die Bedürfnisse der Industrie und versuchen dann, Lösungen für die verschiedenen Technologieplattformen zu entwickeln. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, verschiedene Produktionssysteme in einer Test- und Lernumgebung einzurichten“, sagt Myklebust. 

Dort gibt es unter anderem eine Lernfabrik für Automatisierung, die im Frühjahr in Betrieb genommen wurde.

„Das ist eine Art Minikopie einer Produktionslinie, die Radaufhängungen für die Automobilproduktion im benachbarten Industriepark herstellt. Die Fabrik wird von Berufsschülern und Bachelorstudierenden genutzt, kann aber auch bei der Schulung von Industriemitarbeitern zum Einsatz kommen“, erzählt Myklebust.

Mehrere deutsche Lieferanten von technischer und digitaler Ausrüstung präsentierten ihre Lösungen für die berufliche Bildung und lebenslanges Lernen. Im Anschluss an die Beiträge hatten die Lieferanten individuelle Meetings mit den Teilnehmern. Eine Übersicht über die teilnehmenden Unternehmen finden Sie hier.