Spannendes erstes „AHK Morgenkaffee“ zu Arbeitsmodellen der Zukunft

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Welchen Einfluss haben flexible Arbeitsmodelle auf die Kreativität und Effizienz? Und wie sehen die Arbeitsmodelle der Zukunft aus? Dieses Thema diskutierten wir beim ersten «Morgenkaffee» mit Ulrike Haugen (DNV GL) und Svein Oftedal (Würth), Präsidentin und Vize-Präsident der AHK Norwegen und Vertreter großer globaler Unternehmen mit Aktivitäten in Deutschland und Norwegen. Im neuen digitalen Eventkonzept der AHK Norwegen spricht Michael Kern, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, mit Experten aus unserem bilateralen Netzwerk.

Michael Kern (MK): Welche Erfahrungen aus der Covid-19-Pandemie sind für das zukünftige Arbeitsleben relevant?

Ulrike Haugen (UH): Bei unserem CEO stand in den letzten fünf Jahren die Digitalisierung sehr stark im Fokus. Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur war es für die meisten unserer Ingenieure daher recht einfach, aus dem Homeoffice zu arbeiten, als die Krise begann. Unsere Schiffsingenieure und Inspekteure, die normalerweise Werften besuchen, konnten die Inspektionen mit einer Kamera aus der Ferne durchführen. Im Lebensmittel- und Gesundheitssektor gab es mehr Herausforderungen, da die Vorschriften nicht in jedem Fall Ferninspektionen zulassen. Die Gesetzgebung hängt hier also noch etwas hinterher. Ich denke, dass es in Zukunft möglich sein wird, viele Aufgaben digital zu erledigen.

Wir waren erstaunt darüber, wie effizient wir virtuelle Arbeitsweisen eingesetzt haben. In diesem Sinne ist die Krise ein Booster, die bereits vorhandenen digitalen Tools häufiger zu nutzen. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft eine Hybridlösung finden werden.

MK: Ist davon auszugehen, dass sich die Vorschriften aufgrund der aktuellen Situation ändern werden?

UH: Auf jeden Fall. Unsere Aufgabe ist, den Politikern mitzuteilen, dass die Durchführung von Ferninspektionen oder Fernaudits sicher ist. Hier muss die Industrie ebenfalls mitziehen, weil einige Akteure noch Aufholbedarf haben. Einige Arbeiten erfordern die physische Präsenz, das ist klar, aber 90 Prozent können mit digitalen Tools erledigt werden.

„Die Krise ist ein Booster, die bereits vorhandenen digitalen Tools häufiger zu nutzen.“

Ulrike Haugen

MK: Ja, einige Geschäftsmodelle werden sich in Zukunft wahrscheinlich ändern. Welche Erfahrungen hat Würth gemacht?

Svein Oftedal (SO): Unser Geschäftsmodell basiert auf mehreren Vertriebskanälen, wobei der direkte Kontakt zum Kunden ein wichtiger Bestandteil ist. Über Nacht waren Kundenbesuche plötzlich nicht mehr möglich. Dies führte zu einer Verdreifachung der Kaufaktivitäten in unserem Online-Shop. Unsere 55 Filialen in Norwegen verzeichneten ebenfalls einen enormen Umsatzanstieg. Dagegen sank der Verkauf von Produkten im direkten Kontakt mit Kunden. Die wichtigste Erfahrung für die Zukunft ist daher, ein anpassungsfähiges Geschäftsmodell zu haben, das in verschiedenen gesellschaftlichen Situationen Bestand hat. Wir hatten keine Pandemie eingeplant, weshalb wir einfach Glück hatten.

UH: Eine wertvolle Erfahrung, die wir gemacht haben, ist, dass man nicht durch die Welt reisen oder Tagestrips nach Bergen und Trondheim planen muss, um Kunden kennenzulernen oder mit ihnen in Kontakt zu bleiben. In der Vergangenheit war es Standard, den Kunden zunächst physisch zu treffen. Wir waren überrascht, dass man sich auch in Videokonferenzen sehr gut kennenlernen kann. An Ostern haben wir uns dazu entschieden, unseren CEO auf eine Virtual Global CEO Roadshow zu schicken – jede Woche besucht er ein neues Land und trifft neue Kunden, das lokale Managementteam und Mitarbeiter. Wir hatten sogar virtuelle Vertragsunterzeichnungen und Schiffstaufen.

MK: Die Frage, ob die Effizienz im Homeoffice gestiegen oder gesunken ist, wird jetzt in Deutschland und Norwegen viel diskutiert. Welche Eindrücke haben Sie gemacht?

SO: Wir sollten ein wenig vorsichtig sein, unsere gesamte Zukunft auf den Erlebnissen der letzten sechs Monate aufzubauen. Ich denke, es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir vielleicht zu einem ähnlichen Modell zurückkommen werden, wie wir es kennen. In den letzten sechs Monaten war die Produktivität bei uns bei operativen und repetitiven Aufgaben gut. Wir merken aber auch, dass ein Teil der Kreativität verloren geht, die zum Beispiel an der Kaffeemaschine oder bei einem Feierabendbier entsteht. Wir sollten diese soziale Grundlage nicht aufgeben.

„Je mehr Flexibilität, desto höher das Engagement der Mitarbeiter.“

Svein Oftedal

UH: Wenn um kreatives Denken geht, stimme ich zu. Es ist etwas anderes, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen oder an der Kaffeemaschine miteinander zu sprechen als über einen Bildschirm kreativ zu arbeiten. Aus meiner Sicht müssen wir darüber nachdenken, welche Formen der Zusammenarbeit für welche Aufgaben erforderlich sind.
 
MK: Wie kann man kreative Prozesse vorantreiben, wenn sich die Mitarbeiter nicht persönlich treffen können? Eine neue Generation steht in den Startlöchern fürs Arbeitsleben: Welche Erwartungen wird sie an die Arbeitgeber stellen?

UH: Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch fantastische Tools gibt, mit denen man virtuell kreativ arbeiten kann. Es ist sicherlich auch eine Frage der Einstellung, wenn man denkt, dass man durch die Arbeit am Bildschirm weniger kreativ ist.

Die neue Generation hat andere Anforderungen an ihren zukünftigen Arbeitgeber. Die Art und Weise, wie sie arbeiten will, wird wahrscheinlich auch anders sein. Ich denke, wir müssen uns auf ein Hybridmodell oder andere neue Arbeitsweisen vorbereiten. Daher ist wichtig, schon jetzt den Dialog zu suchen. Wir haben zum Beispiel das Projekt «Future Workplace» gestartet, bei dem wir unsere Mitarbeiter einbeziehen, um herauszufinden, wie sie am besten und effizientesten arbeiten.

SO: Ich sitze mit acht anderen CEOs aus der Oslo-Region in einem Forum, in dem wir vor kurzem genau dieses Thema diskutiert haben. Es gibt viele unterschiedliche Erfahrungen, zum Beispiel auch abhängig vom Alter. Um es ein wenig provokativ auszudrücken: Wir über 50 Jahre kommen gut im Homeoffice zurecht. Wir finden es vielleicht sogar angenehm und kennen unsere Rolle und unsere Aufgaben. Die Führungskräfte einiger anderer Unternehmen berichteten, dass die jüngeren Mitarbeiter das soziale Setting mehr vermissen als die älteren Mitarbeiter. Das sehe ich bei uns auch, und es ist wichtig, dies im Kopf zu behalten.

UH: Bei uns ist es ähnlich. Es hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, wie viel Platz man Zuhause hat. Wenn man Anfang 30 ist und mit seinem Partner in einer Einzimmerwohnung lebt, ist das Homeoffice natürlich eine größere Herausforderung. Ich finde übrigens, dass es auch sehr herausfordernd war, virtuell ein Team zu leiten. Meiner Meinung nach erfordert es andere Führungsqualitäten. Es ist wichtig zu verstehen, in welcher persönlichen Situation sich die Mitarbeiter befinden, um den Arbeitsalltag bestmöglich gestalten zu können.

„Man braucht nicht durch die Welt reisen oder Tagestrips nach Bergen und Trondheim planen, um Kunden kennenzulernen oder mit ihnen in Kontakt zu bleiben.“

Ulrike Haugen

MK: Genau, es gibt ganz andere Herausforderungen. Als Arbeitgeber muss man beachten, dass teilweise das ganze Familienleben neu organisiert werden muss, um in den zukünftigen Arbeitsmodellen nachhaltig zu sein. Gehen Sie zukünftig von einer größeren Flexibilität bei der Arbeitszeit aus?

SO: Flexibilität ist eines der wichtigsten Stichworte. Es kommt dem Arbeitgeber zugute, denn die meisten Menschen sind in ihrem Job sehr engagiert. Je mehr Flexibilität, desto höher das Engagement der Mitarbeiter.


Morgenkaffee mit Hydro
 
Der zweite Teil unserer neuen Webinarreihe findet am 1. September um 9:00 Uhr statt. Beim «Morgenkaffee mit Rønnaug Sægrov Mysterud», Vice President, Head of EU Affairs bei Hydro und Vorstandsmitglied der Handelskammer, sprechen wir über die Erwartungen des Aluminiumproduzenten an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft und den Green Deal. Hier können Sie sich anmelden.