Illustrationsfoto vom German-Norwegian Energy Dialogue. Foto

CCS erforderlich für Netto-Null-Emissionen in der deutschen Industrie

Deutsch Norwegisch (Buchsprache)

Das vierte Webinar im Rahmen des German-Norwegian Energy Dialogue 2020 befasste sich mit der Entwicklung der CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) in der europäischen Industrie. Die mangelnde Akzeptanz für die Technologie in Deutschland ist eine Herausforderung, die durch das norwegische Großprojekt Northern Lights möglicherweise geändert werden kann.

„In Deutschland fehlt es offensichtlich an politischer Unterstützung für die CCS-Technologie. Ein Beispiel hierfür ist die jüngste Wasserstoffstrategie der Bundesregierung, die die Rolle von grünem Wasserstoff hervorhebt und nur wenig Fokus auf blauen Wasserstoff legt”, sagte der Keynote-Redner Julian Schorpp, Referatsleiter Europäische Energie- und Klimapolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Der Wiederstand gegen CCS in Deutschland stammt aus einer Debatte aus dem Jahr 2010 über den Einsatz der Technologie zur Reduzierung der Emissionen von Kohle im Stromsektor. Deutschland hat sich mittlerweile den Kohleausstieg auf die Fahne geschrieben. In internationalen Expertenagenturen besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass CCS notwendig ist, um unvermeidbare Prozessemissionen in energieintensiven Industrien wie der Zementproduktion zu senken.

„Aktuell ist in Deutschland nicht die Stimmung, diese Debatte wieder aufleben zu lassen. Aber dies kann und muss sich mit dem Green Deal ändern. In der langfristigen Klimastrategie der EU spielt CCS in fast allen Szenarien eine Rolle. Wenn wir die Technologie aus dem Mix ausschließen, wird es teurer, die Ziele zu erreichen”, erklärte Schorpp.

Schorpp betonte, dass es dringend erforderlich sei, eine ehrliche und offene Debatte über den Technologiebedarf in einer emissionsfreien Wirtschaft zu beginnen, um den Fortschritt von CCS in Deutschland sicherzustellen.

„Dies ist notwendig, um CCS in der deutschen politischen Strategie zu verankern und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu erhöhen.”

Der DIHK hält es kurzfristig für notwendig, die Demonstrations- und Pilotprojekte zu beschleunigen und die Forschung und Entwicklung sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene fortzusetzen. Mittelfristig ist es wichtig, das kommerzielle Interesse an der Einführung der CCS-Technologie zu sichern.

Ein europäisches CCS-Projekt

„Wir müssen stets bedenken, dass das norwegische CCS-Projekt ein europäisches Projekt ist. Wir teilen unsere Erfahrungen mit Industrien und Behörden in anderen Ländern. Der Speicher in der Nordsee bietet Platz für CO2 aus Europa. Somit bietet er eine Chance für europäische Unternehmen, die nach Wegen suchen, um ihre Reduktionsziele zu erreichen”, sagte Trude Sundset, CEO von Gassnova, in ihrem Kommentar.

Ich denke, der Green Deal wird bald ein Big Deal sein

Trude Sundset, Gassnova

Gassnova ist ein staatliches Unternehmen für CO2-Management und verantwortet die Vorbereitung des Großprojekts „Northern Lights”. Die Investitionsentscheidung wird voraussichtlich im Herbst im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Staatshaushalts für 2021 fallen.

„Ich bin froh, dass die Einstellung zu CCS in den letzten Jahren sowohl in Norwegen als auch weltweit immer positiver geworden ist. Vor kurzem hat die Europäische Kommission erklärt, dass CCS eine der Technologien sein wird, die durch das neue Investitionsprogramm von 150 Milliarden Euro gefördert werden, um den grünen Wandel in der europäischen Industrie zu gewährleisten. Ich denke, der Green Deal wird bald ein Big Deal sein.”

CCS – eine ausgereifte Technologie

Jon Kristoffer Knudsen, Chief Commercial Officer bei Aker Carbon Capture, der neu gegründeten Tochtergesellschaft von Aker Solutions, sagte, dass das Interesse an CCUS-Technologie (Carbon Capture, Utilization, and Storage) in den letzten Jahren stark zugenommen habe und der Markt gewachsen sei.

„Ich denke, es geht darum zu verstehen, dass dies Investitionen und technologische Entwicklungen sind, die seit mehreren Jahren stattfinden, und zwar nicht nur in Norwegen. Mit den ESG-Investoren sehen wir nun auch einen neuen Treiber auf dem Markt. Diese Investoren erkennen, dass europäische und insbesondere deutsche Kunden Fortschritte in ihrer Nachhaltigkeitsagenda erzielen müssen, weil ihre zukünftigen Geschäftsmodelle in Frage gestellt werden.”

Laut Knudsen muss kommuniziert werden, dass die Technologie verfügbar und bewährt ist: Nach einer Investitionsentscheidung kann Aker Carbon Capture je nach Umfang innerhalb von 15 bis 30 Monaten Anlagen liefern.

„Unsere Technologie hat weltweit mehr als 50 000 Betriebsstunden. Seit der Lieferung der Technologie nach Mongstad im Jahr 2012 bis zu den heutigen kompakten Lösungen haben wir die Kosten tatsächlich um 90 Prozent gesenkt. Wir erwarten eine weitere signifikante Kostenreduzierung, wenn bis 2050 weitere Großprojekte realisiert werden.”

Deutsche Industrie will CCS

„Die CCUS-Technologie ist für unsere Industrie von entscheidender Bedeutung, da zwei Drittel unserer Emissionen unvermeidbar sind. Heidelberg Cement hat einen Anteil von 25 Prozent am deutschen Markt, was direkten Emissionen von rund fünf Millionen Tonnen pro Jahr entspricht”, sagte Christoph Reißfelder, Leiter des Berliner Verbindungsbüros von Heidelberg Cement.

Heidelberg Cement besitzt das Zementwerk Norcem in Brevik, das Teil des norwegischen Capture-Projekts ist. Die mangelnde politische und gesellschaftliche Akzeptanz der Technologie in der deutschen Bevölkerung ist laut Reißfelder zwar eine Herausforderung, das Unternehmen bleibt jedoch optimistisch.

„Alle sprechen von grünem Wasserstoff, weil er politisch besser zu verdauen ist als die Debatte über Kohlenstoffabscheidung und -speicherung. Wir stellen jedoch fest, dass CCS mit dem Klimaschutzprogramm 2030 des letzten Jahres auch in der Politik ein relevanteres Thema wird.”

Aber es geht immer noch nicht schnell genug. Die Infrastruktur für den Transport des Kohlenstoffs muss vorhanden sein, wenn Heidelberg Cement eine Investitionsentscheidung für Abscheideanlagen treffen soll. Hier kann Norwegen eine zentrale Rolle spielen.

„Deutschland vergisst leider, dass Nachbarländer wie Norwegen und die Niederlande eine ausgereifte CCS-Entwicklung haben. Wir müssen daher versuchen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu stärken.”

Öffentliche Akzeptanz für CCS in Deutschland

Eine unklare Unterscheidung zwischen CCS und CCU (Carbon Capture Utilization) in der öffentlichen Debatte wurde als Herausforderung und als Teil eines größeren Kommunikationsproblems für die Technologie in Deutschland benannt. Als Lösung wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern auf der Kommunikationsseite vorgeschlagen

„Wir müssen akzeptieren, dass wir verschiedene Länder mit unterschiedlichen Kulturen sind. Ich denke, dass wir mit deutschen Akteuren zusammenarbeiten müssen, um der deutschen Öffentlichkeit effektiv zu vermitteln, wie CCS tatsächlich funktioniert. Wir haben viele Dokumentationen aus den Sleipner- und Snøvit-Projekten, die zeigen, wie sicher die Technologie ist”, so Sundset von Gassnova. 

Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass die Realisierung des norwegischen Großprojekts für die Debatte und Entwicklung in Deutschland von großer Bedeutung sein könnte.

„Wir Deutsche brauchen einen Tauglichkeitsbeweis. Die Möglichkeit, auf dieses Projekt zu verweisen, wird den Prozess der gesellschaftlichen Akzeptanz erleichtern“, meint Reißfelder von Heidelberg Cement.

Bilaterale Geschäftsmöglichkeiten

Das letzte Webinar im Rahmen des German-Norwegian Energy Dialogue 2020 findet am 26. Juni statt und widmet sich den bilateralen Geschäftsmöglichkeiten im Offshore-Windbereich.

Webinar verpasst? Hier können Sie die Zusammenfassung der letzten Webinare lesen:

27.05.20 Covid-19 Impact on the European Power Sector

05.06.20 European Green Deal and the Covid-19 Recovery Plan

10.06.20 Achieving Net-Zero Emissions in European Industry by 2050