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Vier Jahre ist es her, dass wir den deutschen Architekten Michael Lommertz in Oslo trafen und mit Ihm über nachhaltiges Bauen sprachen. Als Seniorarchitekt bei Norwegens staatlicher Baubehörde Statsbygg attestierte Lommertz Norwegen in diesem Bereich eine rasante Entwicklung. Gleichzeitig stellte er fest, dass vor allem im Bereich des Holzbaus großer Nachholbedarf besteht. Heute, vier Jahre später, steht in Norwegen das größte Holzhaus der Welt und auch darüber hinaus hat sich seitdem einiges getan. Michael Lommertz arbeitet inzwischen als Leiter für Nachhaltigkeit am Osloer Standort des weltweit tätigen Ingenieurbüros Bollinger + Grohmann.

Norwegen hat es sich auf die Fahnen geschrieben seine Baustellen bis zum Jahr 2025 fossilfreien zu betreiben. Ist dieses Ziel realisierbar?

Ich glaube schon, dass das Ziel umzusetzen ist. Ich sehe da eine Parallele zur Entwicklung bei der Elektromobilität. Klar kann man sagen, Norwegen ist so ein kleiner Markt, wieviel macht die Nachfrage da aus, andererseits sind die großen Baumaschinenhersteller alle dabei, Maschinen zu entwickeln. Da passiert schon einiges und Norwegen ist für die Hersteller ein guter Probemarkt, und somit eine Art Wegbereiter.

In Norwegen hat man sich darauf verständigt, dass etwas getan werden muss, um die Klimakrise abzuwenden. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass Norwegen mit der Umsetzung der eigenen Ziele sehr konsequent ist, und man damit auch Erfolg hat.

Zudem glaube ich, dass die Elektrifizierung großer Maschinen von der Entwicklung in der E-Mobilität profitiert, weil der Weg bereits bereitet ist.

In meinen Augen ist der Weg über Biodiesel betriebene Fahrzeuge auch nicht verkehrt. Die Diskussion in Deutschland ist ja mit der der Elektromobilität identisch; man sagt, was nützt der Schritt, wenn der Strom in Kohlekraftwerken produziert worden ist. In Deutschland wäre es vielleicht besser, erst einmal mit Biodiesel zu fahren als mit Elektro aus Kohlestrom.

„Langfristig muss es darum gehen, die Materialien auf ein höheres Qualitätsniveau zu heben“

Michael Lommertz, Leiter Nachhaltigkeit im Büro Oslo, Bollinger + Grohmann Ingenieure

Ein weiterer Weg, den Klimaherausforderungen zu begegnen, ist ein Umdenken bei den Baumaterialien. In unserem letzten Gespräch bemerkten Sie, dass Holzbau im großen Maßstab in Norwegen nicht angewandt wird. Inzwischen wurde beim Bau des neuen Osloer Flughafenterminals zum großen Teil auf regionale Ressourcen zurückgegriffen, und auch das höchste Holzgebäude der Welt steht in Norwegen. Hat sich hier in den letzten Jahren so viel getan?

Ja. Da hat sich wahnsinnig viel getan. Hier ernten wir jetzt die Früchte der Fördermaßnahmen aus den letzten Jahren. Als Konsequenz dieser Entwicklung ist kürzlich beispielsweise das erste großmaßstäbliche Massivholzwerk Norwegens, gleichzeitig die größte und modernste Anlage der Welt, in Betrieb gegangen. Wenn das Holz nicht mehr zur Veredelung ins Ausland geschickt werden muss, ist das abgesehen von den Klimaaspekten natürlich auch für die Wertschöpfungsketten im Land von großer Bedeutung. In der Holzwirtschaft ist es wichtig, dass man den Rohstoff komplett ausnutzt, dass man die Abfälle verwendet, sei es zur Isolation oder zum Heizen. In dem Bereich wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Werke errichtet und die Produktion ins Land zurückgeholt. Das sind alles Dinge, die so vor einigen Jahren noch nicht denkbar gewesen wären.

Ist diese Entwicklung besonders in Norwegen zu beobachten?

Natürlich gibt es Standorte, wo der Holzbau traditionell im Fokus steht, genannt seien hier Österreich, die Schweiz oder auch Süddeutschland. Die Entwicklung, dass der Holzbau als eine Lösung der Baubranche auf die Klimaherausforderungen erkannt wird, ist parallel fast überall auf der Welt zu beobachten. Im Grunde genommen steht Norwegen hier noch hinten an. Es ist aber wie bei der Elektromobilität: Wenn sich Norwegen etwas zum Ziel setzt, dann wird dieses Ziel auch konsequent verfolgt, und sich nicht einem so starken Lobbyismus ausgesetzt, der solche Prozesse entschleunigt. So gesehen ist die Entwicklung in Norwegen schon einzigartig.

Welche weiteren nachhaltigen Ansätze sehen Sie in der Baubranche?

Ein wichtiger Schritt waren Passivhäuser und Plushäuser, allerdings ist hier das Potenzial weitestgehend ausgeschöpft. Also muss man schauen, wo man noch einsparen kann, und dass sind zwei große Sektoren: Zum einen das Material, und zum anderen der Transport, der mit dem Gebäude verbunden ist.

Im Sektor des Materials gibt es natürlich auch andere Lösungen als Holz. Der Holzbau ist nicht die Antwort auf alle Fragen. Wichtig ist auch, dass andere Materialien, die eine schlechtere Ökobilanz haben, besser werden, und das passiert auch. Es gibt auch Initiativen der Beton- und Stahlindustrie auf die Klimaherausforderungen. Man muss die Materialien immer dort einsetzen, wo sie Sinn machen.

Ist Upcycling auch eine Alternative für die Baubranche?

Upcycling ist ein ganz wichtiger Aspekt bei der Nachhaltigkeit. Beim Thema Recycling, also dem Rückführen des reinen Wertstoffes in die Wertstoffkette, haben wir in den letzten Jahren viel erreicht. Aber eigentlich muss es langfristig darum gehen, die Materialien auf ein höheres Qualitätsniveau zu heben, dass also jedes Baumaterial in seinem nächsten Leben eine noch bessere Funktion bekommt. Nur so erreichen wir einen geschlossenen, nachhaltigen Materialkreislauf.

Also geht es im Moment noch darum, Material zu verbauen, das auch in der Zukunft als Ressource dienen kann?

Absolut. Wir müssen nachhaltige Materialien nutzen, bei denen eine Alterung nicht stattfindet. Eine Plastikfolie lässt sich nur bedingt wiederverwenden.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision des nachhaltigen Bauens in der Stadt aus?

In meiner Zukunftsvision verwendet man viel mehr nachhaltige Materialien und das ist nun mal das Holz. Das hängt auch damit zusammen, dass Holz viele weiche Qualitäten hat, die sehr wichtig sind. Es ist feuchtigkeits- und temperaturregulierend, schadstofffrei, robust und riecht angenehm – Holz hat ganz viele Eigenschaften, die es zu einem guten Material machen.

Gleichzeitig sind die Transportproblematik und die Reduktion des Individualverkehrs ganz wichtig. Zum einen die Umstellung des Verkehrs auf nachhaltige Antriebe, zum anderen aber auch die Reduktion des Transportbedarfs insgesamt. In einem unserer Projekte in Fornebu ist diese Transportproblematik beispielsweise ein großes Thema. Je mehr der täglichen Dinge man vor Ort erledigen kann, sei es Einkaufen, sei es Arbeiten, Kindergarten oder Schule, desto geringer ist der Transportbedarf. Im Moment sehe ich bei jungen Familien in der Stadt, dass es in die richtige Richtung geht. Wer möchte heute in der Stadt noch ein Auto haben?

Mein Wunsch für die Zukunft ist es, dass man von der Zentralisierungstendenz weggeht, dass man nicht mehr außerhalb der Städte die großen Einkaufsquartiere und Bürokomplexe hat, sondern dass man die Kombination vor Ort schafft. Natürlich ist es nach wie vor wichtig, die großen Arbeitsplatz-Hubs an den Verkehrsknoten zu platzieren, aber auch der Personennahverkehr kommt irgendwann an seine Grenzen – sei es logistisch als auch klimatechnisch. Sind wir nicht besser beraten, wenn wir in unserem Wohnquartier einen Büroraum zur Verfügung haben oder uns in einem Co-Working-Place mit anderen austauschen können, anstatt jeden Tag in die Stadt zu pendeln?