„Norwegen sieht deutsche Unternehmen zurecht als zuverlässige und qualitätsorientiere Kooperationspartner“

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Mit ihrem Länderschwerpunkt Norwegen rückt die IHK Nord Westfalen den norwegischen Markt zukünftig mehr in den Fokus. Das AHK-Netzwerk bildet dabei eine wichtige Brücke zwischen den Märkten. Das Interview mit Michael Kern, dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied der AHK Norwegen, gibt einen Einblick in Voraussetzungen und Möglichkeiten des norwegischen Marktes.

IHK Nord Westfalen: Im Pandemiejahr 2020 verlor die norwegische Wirtschaftsleistung weniger als ein Prozent – kaum ein anderes Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums hat diese Zeit so gut gemeistert wie Norwegen. Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?

Michael Kern: Es ist richtig, dass der Rückgang geringer ausgefallen ist als in anderen Ländern. Das BIP für die gesamtnorwegische Wirtschaft lag 2020 bei -0,8. Bei der wirtschaftlichen Einschätzung ist jedoch zwischen Festland- und Offshore-Industrie zu unterscheiden. Das Wirtschaftswachstum auf dem Festland, das sich in den letzten Jahren gut entwickelt hatte, ist um 2,5 Prozent gesunken. Die Offshore-Industrie war trotz stark fallender Ölpreise im Pandemiejahr ein stabilisierender Faktor.

Unabhängig von Covid-19 muss Norwegen seine Wirtschaft langfristig neu strukturieren und sich international aufstellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben – unter anderem durch eine umfassende Digitalisierungsstrategie. In den letzten Jahren ist es der Gesellschaft gelungen, eine digitale Infrastruktur aufzubauen, sodass sie im Krisenjahr ohne Effizienzverluste auf digitale Prozesse umsteigen konnte. Außerdem haben der öffentliche und private Sektor an ihren Investitionsvorhaben festgehalten. Es wurden Projekte durchgeführt, von denen wir erwartet haben, dass sie möglicherweise verschoben werden. Daraus haben sich auch Aufträge für deutsche Unternehmen ergeben.

„In den letzten Jahren ist es der norwegischen Gesellschaft gelungen, eine digitale Infrastruktur aufzubauen, sodass sie im Krisenjahr ohne Effizienzverluste auf digitale Prozesse umsteigen konnte.“

Derzeit scheint sich die Wirtschaft in Norwegen wieder zu erholen. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen und welchen Ausblick geben Sie für die nächsten Jahre?

Mit abnehmenden Infektionsdruck in Norwegen und bei den Handelspartnern wird das Aktivitätsniveau im zweiten Halbjahr 2021 wieder deutlich zunehmen. Aktuelle Prognosen zeigen, dass das BIP für die norwegische Festlandindustrie bis zum Jahresende auf 3,1 Prozent und 2022 auf 4,1 Prozent steigen wird, bevor es 2023 auf 2,4 Prozent zurückgeht.

Da Norwegen seine Wirtschaftsleistung recht stabil halten konnte, sind die Voraussetzungen für die Wiedereröffnung sehr gut. Der Konsum der privaten Haushalte wird sicherlich ein starker Motor für die wirtschaftliche Erholung sein. Der norwegische Staat und hier ansässige Unternehmen wollen ebenfalls kräftig investieren. Wenn sich die Rahmenbedingungen für den Handel und die internationale Wirtschaftslage verbessern, wird auch der Export wieder zunehmen. Im Öl- und Gasbereich erleben wir derzeit einen deutlichen Preisanstieg und eine hohe Nachfrage. Dies ist zwar kurzfristig ein positiver Impuls für die Wirtschaft, langfristig werden die Investitionen in fossile Brennstoffe jedoch wieder sinken.

Die norwegische Außenministerin Ine Marie Eriksen Søreide betonte anlässlich der Präsentation der neuen Deutschlandstrategie im Juni 2019 die außerordentlich wichtige Bedeutung Deutschlands als starker Partner für Norwegen. Wie haben sich die deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen seither entwickelt?

Die erste formalisierte Deutschland-Strategie stammt bereits aus dem Jahr 1999. Deutschland ist als zweitgrößter Exportmarkt nach Großbritannien und zweitgrößtes Zuliefererland nach China, also schon lange einer der wichtigsten Handelspartner für Norwegen. Die Strategie geht aber weit über die wirtschaftliche Zusammenarbeit hinaus und beschreibt Deutschlands Schlüsselrolle im Verhältnis zur EU.

Die aktuelle Version ist ein Indikator für die bestehenden starken bilateralen Beziehungen und gleichzeitig ein Ansporn, diese weiter zu intensivieren. Seit 2019 wurden zahlreiche bilaterale Projekte fortgeführt oder initiiert. Siemens eröffnete ein Batteriewerk bei Trondheim, die Stadtwerke München sind am Ausbau der norwegischen Windenergie beteiligt und Volkswagen investiert in ein Rechenzentrum in Rjukan. Tatsächlich sind aber auch sehr viele KMU in Norwegen aktiv, die Glas für das neue Nationalmuseum, Logistiksysteme oder Abfallsortieranlagen liefern.

2021 feiert die AHK Norwegen übrigens ihr 35. Jubiläum. Auch in Zukunft wollen wir den erfolgreichen Weg der bilateralen Zusammenarbeit als treibende Kraft in Zusammenarbeit mit den deutschen Institutionen in Norwegen und Team Norway in Germany mitgestalten und als Sparringpartner für deutsche Wirtschaftsakteure mit Interesse am norwegischen Markt fungieren.

„Norwegen besticht durch seine politische und wirtschaftliche Stabilität, eine hohe Kaufkraft und fortschrittliche Digitalisierung“

Welche Schwerpunkte möchte die AHK Norwegen in der nächsten Zeit in ihrer Arbeit setzen?

Unsere Schwerpunkte liegen auf den Wirtschaftszweigen, in denen sich Geschäftschancen für deutsche und norwegische Akteure bieten. Beispiele dafür sehen wir in den Bereichen Energie, Industrie 4.0 und Digitalisierung, Nachhaltigkeit sowie Infrastruktur. Hier bieten wir Marktberatung, Informationen zu Rechts- und Steuerthemen, die Positionierung und Erfahrungsaustausch im Netzwerk sowie Arbeitsgruppen, die von uns koordiniert werden und eine Plattform für die Diskussion von Rahmenbedingungen und Branchentrends sowie die Entwicklung neuer Geschäftsfelder bilden.

Wo sehen Sie – insbesondere derzeit – Markt- und Geschäftschancen, vor allem für deutsche Unternehmen in Norwegen?

Norwegen besticht mit seinen fast 5,4 Millionen Einwohnern vielleicht nicht durch seine Größe, aber durch politische und wirtschaftliche Stabilität, eine hohe Kaufkraft und fortschrittliche Digitalisierung. Dies bestätigen die Ergebnisse unserer Konjunkturumfrage. Norwegen ist und bleibt ein attraktiver Markt für Konsum- und Investitionsgüter. Gleichzeitig ist „Made in Germany“ eine starke Marke, und Norwegen sieht deutsche Unternehmen zurecht als zuverlässige und qualitätsorientiere Kooperationspartner.

Neben Bau- und Infrastrukturprojekten steht in den nächsten Jahren eine intensive Zusammenarbeit in Bereichen wie Energieinfrastruktur und -speicher, Fischzucht auf hoher See, Aus- und Weiterbildung in industriellen Berufen oder Gesundheitswesen auf der Agenda. Auch die Digitalisierung gehört weiterhin zu den Zukunftsthemen: 2021 führen wir öffentlich geförderte Projekte im Bereich Industrie 4.0 und Construction 4.0 durch. Zudem begleiten wir Großprojekte, die über viele Jahre hinweg Investitionen sichern und Arbeitsplätze schaffen – so wie das kürzlich eröffnete NordLink-Kabel oder die Anbahnung von Industriekooperationen im Rahmen des gemeinsamen Beschaffungsprojekts für U-Boote.

„An der Entwicklung innovativer Technologien können sich deutsche Akteure mit ihrem Know-how beteiligen.“

Norwegen ist für die Bundesrepublik Deutschland ein wichtiger Partner als Energielieferant und bei der Umsetzung der Energiewende. Welche Themen sind hinsichtlich der Energiezusammenarbeit besonders zu berücksichtigen?

Durch die Inbetriebnahme des Nordlink-Kabels und die damit verbundenen kurzen Lieferwege ist die Energiezusammenarbeit enger als je zuvor. Norwegen hat schon heute eine nahezu vollständige Eigenversorgung mit erneuerbaren Energien und wird sich zur Erreichung der Klimaziele von fossilen Energieträgern abkehren. Die Regierung hat mit ihrem Weißbuch „Putting Energy to Work“ am 11. Juni 2021 veröffentlicht, wie das Land seine Position als Energienation stärken will. Es skizziert Initiativen in den Bereichen Wasserstoff und Offshore-Windkraft, die Stärkung des Stromnetzes sowie einen emissionsarmen Öl- und Gassektor.

Aus diesem Strukturwandel ergeben sich für deutsche Unternehmen Geschäftschancen in vielen wachsenden Märkten wie dem Aufbau einer Wertschöpfungskette für blauen und grünen Wasserstoff, den Ausbau der Offshore-Windkraft, die Errichtung einer CCS-Infrastruktur oder den Bau von Gigafabriken zur Batterieproduktion. An der Entwicklung innovativer Technologien können sich deutsche Akteure mit ihrem Know-how beteiligen.

Die AHK Norwegen hat sich stark dem Thema „Ocean Technology“ verschrieben, was verbirgt sich dahinter?

Neben den genannten Schwerpunkten gehören Meerestechnologien zu den Zukunftsthemen der bilateralen Zusammenarbeit. Dahinter verbergen sich unter anderem saubere maritime Antriebstechniken, erneuerbare Energiequellen wie Offshore-Windkraftanlagen oder die Digitalisierung der maritimen Wirtschaft.

Wir haben eine bilaterale Arbeitsgruppe mit Experten aus beiden Ländern eingerichtet, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen, Kontakte und Geschäftsmöglichkeiten für Branchenakteure zu ermitteln und bilaterale Projekte zu initiieren. So soll die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Norwegens im Bereich der Meereswirtschaft aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. In diesem Jahr sind wir mit diesem Expertenkreis erstmals auf der Digital Ocean Convention in Rostock vertreten.